Darum besuchte sie wieder regelmäßig die Messe in der Marienkirche und sorgte dafür, daß sie auch gesehen ward. Vielleicht wär's das beste, dem Goldschmied den Dienst aufzusagen! Lag doch im tiefsten Grund ihrer Truhe ein schwerer Beutel voll Geld, reichlich genug, sich zur Ruhe zu setzen. Wäre nur ihr Herzblatt, ihr Gottfried, mit ihr eines Sinnes gewesen! Aber ach, der ging durchs Feuer für die neue Lehre, für seinen Herrn und besonders für das Kind! Tag für Tag verstrich, ohne daß es zur Kündigung kam. Wer würde das Essen so kochen, wie es dem Herrn schmeckte? Wer würde Annchens schönes Haar so gut pflegen? Wer würde ihr den Hustentee zur rechten Zeit kochen? Ein klein wenig hatte sie doch die schwache Brust von der Mutter geerbt!
Indessen hatte die warme Frühlingssonne den damals ganz bodenlosen Schmutz der Landstraßen getrocknet. Der Himmel strahlte so heiter und blau; Gärten und Felder begannen zu grünen, und in der Stadt war gar keine Zeit zu ernsten, trüben Gedanken. Alles befand sich in freudiger Aufregung, da ein Besuch des Kaisers angemeldet war. Alsbald begannen die großartigsten Vorbereitungen. Auch an des Goldschmieds Hause sollte der glänzende Zug vorbeikommen, und Frau Berta hatte mit den Mägden alle Hände voll zu tun mit Vorrichten der Teppiche, die man auf die Gasse breiten, der seidenen Banner und Bänder, mit denen man die Fenster und besonders den schönen Erker schmücken wollte, von dem aus der Hausherr und sein holdes Töchterlein den glänzenden Zug betrachten wollten. Für Annchen ward ein Kleid von himmelblauem Sammet gefertigt, dessen geschlitzte Aermel weißen Atlas durchschauen ließen. Das Leibchen war zwar tief ausgeschnitten, aber Brust und Hals zierlich und züchtig mit weißem Atlas und kostbaren Spitzen verhüllt.
Freilich wurden diese heiteren Geschäfte durch häuslichen Verdruß etwas gestört. Carlos, der in der letzten Zeit immer unnützer, träger und hochmütiger geworden war, verschwand plötzlich ganz spurlos, nachdem ihm der Goldschmied einen wohlverdienten Verweis gegeben. »Wenn du dich nicht besser beträgst«, hatte er endlich gedroht, »werde ich dich während der Festtage in deiner Kammer einschließen, so daß du von der ganzen Herrlichkeit nichts zu sehen bekommst. Jahrelang trug ich dein wüstes Wesen mit Geduld; jetzt ist sie zu Ende.« Ein böser, wilder Blick aus den kohlschwarzen Augen des unnützen Burschen hatte den milden Herrn fast erschreckt, so daß er begütigend hinzufügte: »Du bist nun bald ein Mann; so lege doch endlich die kindischen Unarten ab! Raffe dich auf, sei fleißig und gehorsam, so will ich's noch einmal mit dir versuchen und dich wieder in die Werkstatt nehmen. Fährst du aber in deinem bösen Wesen fort, so ist deines Bleibens in meinem Hause nicht mehr lange.« Da ward des Jünglings Gesicht glühend rot, er ballte die Faust, wandte sich ab und verließ das Gemach. Am andern Morgen war er nirgends zu finden, und hatte keine andere Spur hinterlassen, als ein tiefes Loch in der Wand hinter seinem Bett. Im Grunde war man froh, ihn los zu sein, und fürchtete mehr als daß man hoffte, er werde nach den Festtagen, von Hunger getrieben, plötzlich wieder erscheinen.
Endlich erscholl von Gase zu Gasse der Ruf: »Der Kaiser kommt!« Das Wetter war günstig. Tiefblau wölbte sich der Himmel über der herrlich geschmückten Stadt. Auf den Balkonen und in den Erkern harrten reichgekleidete Patrizierfrauen und holde Mägdlein des Augenblicks, da sie dem Herrscher einen Gruß zurufen sollten. Schon längst waren ihm die geistlichen und weltlichen Häupter der Stadt in reichen, goldgestickten Gewändern auf prächtigen Rossen entgegengeritten.
Endlich, endlich nahte sich der glänzende Zug. Voran des Kaisers spanische Leibwache, ernst und streng, mit blanken Schwertern in den Händen. Dann das Geleit der Stadt, und endlich der Kaiser selbst auf schneeweißem Roß in kleidsamer spanischer Tracht. Ueber ihm und seinen nächsten Begleitern wölbte sich, von vornehmen Jünglingen getragen, ein reichgestickter Thronhimmel.
Karl V. stand jetzt im kräftigsten Mannesalter. Hoch und stattlich saß er zu Roß; seine großen, sonst sehr ernsten Augen blickten heute lebhaft und heiter umher, und der Mund, dessen etwas zu dicke Oberlippe der dichte Bart verbarg, lächelte freundlich zu dem Jubelruf der Menge, der ihn am Tor begrüßte und immer von neuem wiederholt ward. Hier war er ja in seinem eigenen Erbland, wo er selbständig regierte, ohne daß ihm irgend ein eigenwilliger Fürst hereinreden durfte. Hier war ihm auch die Dankbarkeit des Volkes gewiß, dessen Handel zu Wasser und zu Lande er kräftig schützte, und dessen Wohlfahrt er auf alle Weise förderte. Es war ja sein Heimatland, dessen Sprache ihm schon das Herz erwärmte.
Sein Begleiter zur Rechten, ein frischer niederländischer Edelmann, war offenbar in derselben heiteren Stimmung. Er machte den hohen Herrn hier und da aufmerksam auf ein neues Gebäude, einen schönen Brunnen, oder eine Gruppe edler Frauen, die ihn vom hohen Balkon herab begrüßte. Stets erhielt er eine heitere, wohl gar scherzhafte Antwort im treuherzigen niederländischen Dialekt.
Eine Weile hatte der hohe geistliche Würdenträger, der zur linken Seite ritt, dies harmlose Gespräch geduldet. Alle Kleiderpracht verschmähend, trug er nur die Ordenstracht der Dominikaner; doch hing auf seiner Brust an schwerer goldener Kette ein prachtvolles goldenes Kreuz, mit funkelnden Edelsteinen besetzt, das ihm der »heilige Vater« zum Lohn für seinen Eifer in Verfolgung der Ketzer verliehen. Seinem finsteren Wesen und seiner Verachtung des Volkes behagte es nicht, daß der Kaiser so leutselig um sich blickte; darum suchte er ihn in halblaut geführtes ernstes Gespräch zu ziehen, was ihm auch endlich gelang. Des Kaisers Blick verdüsterte sich, und seine Züge wurden streng und hart. Da flog plötzlich ein Kränzlein zarter, frischer Frühlingsblumen durch die Luft, und blieb, von geschickter Hand geworfen, an dem kostbaren Zaumschmuck des kaiserlichen Rosses hängen. Lächelnd löste er es und blickte empor. Da stand im weitgeöffneten Erkerfenster eines stattlichen Bürgerhauses ein gar liebliches Mägdlein, kaum dem Kindesalter entwachsen. Es trug ein himmelblaues Sammetkleid, mit weißem Atlas ausgeschmückt. »Heil, Heil dem Kaiser!« rief es mit glockenheller Stimme; der mächtige Herr aber nickte ihm freundlich zu und bewegte grüßend die Hand.
Als der düstere Nachbar gleich darauf sein Gemurmel wieder begann, wehrte der Kaiser ungeduldig ab. »Nicht jetzt!« sprach er halblaut. »Erst will ich mich dieses Kränzleins freuen, als eines Liebeszeichens meiner Niederländer.«
Die Lust und Freude, die sich während der nächsten Tage in der reichen Stadt entfaltete, war ganz unbeschreiblich. Die sonst so emsige Arbeit ruhte. Die Maschinen standen still, die Werkstätten waren geschlossen; arm und reich, vornehm und gering gab sich der Festfreude hin. Während die Patrizier einander in ihren Häusern köstlich bewirteten, suchte das Volk seine Lust gern auf den Gassen und freien Plätzen. Auf dem Markte briet man an großem Feuer einen ganzen fetten Ochsen, um ihn dann der Menge preiszugeben. Schier unerschöpflich ward roter und weißer Wein aus mächtigen Fässern gezapft; an die Kinder wurden Brezeln und Kuchen ausgeteilt. Von hohen Tribünen erklang heitere Musik; alles lachte, spielte, hüpfte, aß und trank nach Herzenslust. Selbst die Schiffe im Hafen hatten bunte Wimpel aufgezogen, und geschmückte Kähne schaukelten sich auf der Flut.