Der aber, um deswillen alles so sang und sprang und sich schmückte, durfte sich keineswegs ungestörter Freude hingeben. Die Verhandlungen und Berichte im Rathause verliefen in gutem Frieden. Wenn Karl V. schwere Steuern von seinen Niederländern verlangte, nun, so hatte er sich ein Recht dazu erworben, indem er ihnen immer neue Wege des Handels und Gewinnes öffnete. Darum gab man ihm willig, was er begehrte. Man konnte es auch, da der Reichtum des Landes, besonders der Stadt Antwerpen, damals fast unermeßlich war. Auch sonst herrschte gute Ordnung, Frieden, Fleiß und Treue unter der emsig tätigen Bevölkerung.
Dagegen hatten die Diener, oder vielmehr die Herren der Kirche viel zu klagen. Ach, die Ketzerei schlich zwar heimlich, aber doch mächtig durch die gute Stadt! Wohl waren Kirchen und Beichtstühle immer noch gefüllt mit gehorsamen, gläubigen Seelen, dennoch war ihre Zahl im Abnehmen, während sich doch die Bevölkerung der Stadt von Jahr zu Jahr mehrte. Wer sollte aber bei dem steten Ab- und Zuzug der Menge, zu Land und zu Wasser, die Schafe von den Böcken scheiden? Und welche Menge von ketzerischen Büchern und Schriften mochten die kühnen deutschen Kaufleute, die vielleicht heute kamen, um morgen wieder zu gehen, heimlich unter das Volk verbreiten? War es da nicht die höchste Zeit, durch die strengsten Gesetze und die emsigste Nachforschung diesem Uebel zu wehren? —
Obgleich Karl V. kein grausames Herz hatte, wie sein Sohn Philipp II., so war er doch ein strenger Herrscher, und dazu ein eifriger Anhänger der alten Kirche. Daß er die Ausbreitung der Reformation in so vielen deutschen Städten und Ländern nicht hindern konnte, da mächtige Fürsten ihr zufielen, war ihm im tiefsten Grunde zuwider. Desto mehr fühlte er sich verpflichtet, die neue Lehre in seinen Erbländern mit allen nur möglichen Mitteln im Keim zu ersticken. Redeten ihm doch die Priester ein, daß er damit ein gutes Werk tue, seine eigenen Sünden bedecke und den Himmel verdiene!
Fröhlich war er in die gute Stadt eingezogen; finster, schweren Herzens und ganz in der Stille verließ er sie wieder.
Das wackere Volk aber ahnte bis jetzt noch nichts von der schweren Gewitterwolke, die sich über ihm zusammenzog. Es ging, als die Freudentage vorüber waren, mit erneuter Lust an die Arbeit.
Der schlanke, blasse Bursche in guter, aber arg vernachlässigter Kleidung, der dort mißmutig einherschlenderte, schien zur Arbeit gar keine Lust zu haben. Mit wilder Gier hatte er sich von einem Genuß in den andern gestürzt, war fast immer berauscht gewesen, und bemerkte nun erst mit Schrecken, daß seine Barschaft bald zu Ende sei. Es war Carlos. Noch wirr im Kopf von dem ganz ungewohnten Genuß des Weines, voll Wut über die leichtsinnigen Gefährten, die ihm im Würfelspiel nicht nur sein Geld, sondern auch alle die kleinen Spielereien und Kostbarkeiten, die er heimlich entwendet, abgewonnen hatten, fühlte er sich ganz ratlos und elend. Betteln war in der wackeren Stadt nur den Krüppeln und Altersschwachen erlaubt; wenn er arbeiten sollte, hätte er ebensogut beim Goldschmied bleiben können! Stehlen war allzu gefährlich; es brachte zu jener Zeit an den Galgen!
Horch! Tönte da nicht die Stimme eines Ausrufers? Ja, dort stand er, einen langen Zettel in der Hand, in der Mitte einer schnell wachsenden Menge. Carlos eilte herbei und horchte gespannt. Was war es doch, das der Mann mit lauter Stimme vorlas? Warum malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer teils bleicher Schrecken, teils heimlicher Triumph? Es war ein Gesetz, das im Namen des Kaisers alles Lesen reformatorischer Schriften, alle Versammlungen zu heimlicher Erbauung, alles Singen ketzerischer Lieder, ja sogar das Sprechen über die neue, verfluchte Lehre bei den grausamsten Strafen verbot. Wem aber Leute bekannt seien, die sich solcher Todsünden schuldig machten, der solle ja nicht zögern, sie seinem Beichtvater anzuzeigen. Es solle ihm, als ein verdienstlich Werk, reich belohnt werden.
Da auch die Priester in den Kirchen dies schreckliche Gesetz verkündeten, ward es bald in der ganzen großen Stadt bekannt, und machte auf die Bevölkerung, die sich in den letzten Tagen harmloser Freude hingegeben, einen furchtbaren Eindruck. War doch dadurch der Feindschaft, der Rachsucht und der Mißgunst Tor und Tür geöffnet! Wer durfte unter solchen Verhältnissen noch dem Freunde, dem Nachbar, dem Geschäftsteilhaber trauen? Ein unbedachtes Wort, ein Scherz, das Lesen einer Schrift, das Singen eines Liederverses konnte ins Verderben stürzen.
Schwüle Stille herrschte auf den sonst so belebten Gassen. Viele Werkstätten blieben geschlossen, Fabriken stellten aus Mangel an Kräften die Arbeit ein; selbst auf der Börse stockte der gewohnte Verkehr. Dagegen verließen viele fleißige, ehrsame Bürger im Schutz der Dunkelheit die Stadt, von der mühsam erworbenen Habe nur so viel mit sich führend, als auf dem Saumroß oder auf dem Wäglein neben Weib und Kind Raum fand. Auch am Hafen mischten sich begüterte Familien unter die Schar der Fremden, die dort täglich auf und nieder wogte, um sich unbemerkt mit einzuschiffen nach irgend einem fernen Land, wo man auf Religionsfreiheit hoffen durfte.
Indessen ruhten die Feinde nicht. In besonders verdächtigen Häusern durchsuchten finstere Mönche jeden Kasten, jeden Winkel nach ketzerischen Büchern. Schon loderten auf öffentlichen Plätzen die Flammen, die sie verzehrten, während man die unglücklichen Eigentümer gefesselt in unterirdische Gefängnisse warf wie gemeine Verbrecher. Auch des Goldschmieds Haus hatte man durchsucht, aber nicht das geringste Verdächtige gefunden; und der kluge, hochbegabte Mann hatte so ruhig und geschickt auf alle Fragen geantwortet, daß man ihm nichts anhaben konnte. Da aber die Feinde mit drohenden, mißtrauischen Worten das Haus verlassen hatten, schickte er das Kind mit Frau Berta schleunig heraus ins Schlößlein. Weinend hing Annchen beim Abschied am Halse des Vaters, als könne sie sich kaum von ihm trennen. Er aber tröstete sie freundlich: