»Sei tapfer, mein Liebling! Ich hoffe, die Gefahr ist für diesmal vorüber. Dennoch glaube ich nicht, daß unseres Bleibens hier noch lange ist; nur noch einiges möchte ich ordnen um deinetwillen, mein Kind. Je ruhiger ich mein Geschäft fortführe, je offener ich mich zeige, desto weniger Verdacht wird man schöpfen. Aber höre! Sollte irgend etwas geschehen, das eilige Flucht nötig macht, so folge willig dem Boten, den ich dir sende, sei es bei Tag oder Nacht. Hier! Birg dies Beutelchen mit Goldstücken im Gewand und zeige es niemand, auch Frau Berta nicht. Sie ist verdrossen und übellaunisch, seit uns Gefahr droht. Weiber sind furchtsam! Du aber, Töchterlein, sei tapfer und treu! Hier, mein Sohn Gottfried, geleite das Kind hinaus und befiehl es Jungfer Grete zum besonderen Schutz. Dann aber kehre schleunig zurück; es gibt Arbeit für dich.«

Am nächsten Tage schlich Carlos behutsam durch die Gasse, an der das Haus des Goldschmieds stand. Ob er wohl geflohen war? »O, wenn er doch geflohen wäre!« rief eine leise Stimme in seinem Herzen. Aber nein! Die Werkstatt stand offen; die scharfen Augen des Spaniers erkannten ganz deutlich die hohe Gestalt seines guten Herrn, der emsig schreibend am Arbeitstisch saß, während Gottfried am Juwelenschrank zu schaffen hatte. »Nun wohl!« dachte der böse Bube. »Wenn du so kühn bist, deinem Schicksal zu trotzen, so soll es dich ereilen! O, der dumme Carlos ist klüger, als du denkst; er weiß dein Geheimnis! Mein letzter Pfennig ist vertan; die Zeit der Rache ist gekommen!«

Der finstere geistliche Herr, der neben dem Kaiser geritten, war nicht mit diesem wieder abgereist, sondern im Dominikanerkloster vor dem Stadttor geblieben, wo Thomas einst glückliche Schuljahre verlebt hatte. Seit dieser hohe Herr im Kloster weilte, waren die Mönche plötzlich sehr fromm geworden. Nichts von Behaglichkeit, nichts von Scherz, Spiel und losem Geschwätz war zu spüren; die leckeren Speisen und vollen Weinkrüge waren spurlos verschwunden. Jedermann wandelte mit niedergeschlagenen Augen einher, aufs allerstrengste die Ordensregel beobachtend. Dagegen strahlte die Kirche im reichsten Schmuck von Sammet und Seide, von goldenem und silbernem, mit funkelnden Edelsteinen besetzten Gerät. Herrliche, süße Gesänge erklangen vom Chor herab, und heute hörte der fremde Heilige selbst die Beichte.

Es dauerte geraume Zeit, ehe er die lange Reihe der Andächtigen abgefertigt hatte. Er gähnte mächtig in seinem seidenen Lehnstuhl, und war ganz und gar nicht befriedigt. Statt der vielen Anklagen auf Ketzerei, die er erwartet, waren nur zwei oder drei erfolgt. Der biedere, freundliche Charakter der Niederländer neigte wenig zum Verrat. Da nahte sich noch zuletzt ein blasser Jüngling in sehr vernachlässigter Kleidung. Er sah hungrig und übernächtig aus und schien in großer, innerer Erregung. Als er einige kindische Verfehlungen gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatte, bat er noch einmal um Gehör und sprach lange in wachsender Erregung. Der Priester gähnte nicht mehr, sondern horchte gespannt, und seine dunkeln Augen leuchteten unheimlich, wie die eines Raubtiers, das reiche Beute wittert. Die Gestalt des Jünglings aber zitterte wie im Fieber, und kalte Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, als er seinen Bericht zu Ende brachte:

»Ich ahnte schon längst, was da oben vorging, konnte aber lange nichts Sicheres entdecken. Einmal aber, es war im letzten Winter, hatte man des kalten Windes wegen die dichten Vorhänge zugezogen, und es gelang mir, unbemerkt hinter einen derselben zu schlüpfen. Zitternd stand ich, denn wehe mir, wenn man mich entdeckt hätte! Aber die heilige Jungfrau beschützte mich. Ganz harmlos sah ich sie hereinkommen, sechs an der Zahl, lauter vermögende, angesehene Männer. Zuletzt den Leutpriester Thomas, den Goldschmied und meinen untreuen Gefährten Gottfried. Einer nach dem andern verschwand in der Oeffnung; sie schloß sich, und bald hörte ich das leise murmelnde Geräusch, das mir aufgefallen war, als ich vor Jahren meinen Groschen suchte. Im Schutz der nächsten Nacht entdeckte ich die verborgene Feder, die den Raum erschließt, und bin bereit, als Führer zu dienen. — Wie schwer es mir wird, ehrwürdiger Vater, den zu verraten, dessen Brot ich, wenn auch in Mühsal und Verachtung, gegessen habe, werdet Ihr mit mir fühlen. Aber der Gehorsam gegen die heilige Kirche — —«

»Es ist genug, mein Sohn. Durch Schweigen hättest du dich schwer versündigt! Aber sage mir, weiß das Mägdlein von der Ketzerei?«

»Gewiß! Seit Jahren hat der Leutpriester ihre junge Seele vergiftet. Aber sie ist fast noch ein Kind! Wenn's möglich ist, gönnt ihr das Leben!«

»Wohl! Sie war es, die dem Kaiser das Kränzlein zuwarf; das soll sie retten. In strenger Zucht frommer Klosterschwestern kann ihre Seele wohl noch genesen. Du aber melde dich in der Gastherberge; Obdach und Nahrung soll dir nicht fehlen, bis das Werk vollbracht ist. Morgen abend sollst du es ausführen helfen. Gehe hin in Frieden!«

In Frieden! Ja, wenn er gesagt hätte, in Qual, Angst, Unruhe und Schrecken, da hätte er die Wahrheit gesprochen! Das gute Essen, das man Carlos in der Herberge reichte, verzehrte er gierig, da er sehr hungrig war. Den Tag über lungerte er in den Höfen umher, allerlei sehend und hörend, um es im nächsten Augenblick wieder zu vergessen. Zeitig warf er sich auf sein Lager, wälzte sich aber lange umher, ehe der Schlaf ihn umfing. Endlich machte sich die Erschöpfung geltend; die heißen Augen schlossen sich, und bald kam ein Traum geflogen aus ferner Vergangenheit. Ihm träumte, er sei noch ein kleiner Knabe, und säße mit Gottfried auf einem Bänkchen am Lehnstuhl von Annchens Mutter. In die Kissen zurückgelehnt, hielt sie ihr holdes Töchterchen auf dem Schoß und erzählte den lauschenden Kindern vom Leiden und Sterben des Heilandes. »Aber einer unter den zwölf Jüngern«, sprach sie, »hieß Judas, und er war ein Verräter!« Da schwand der Traum; Carlos fuhr vom Lager empor, und mit dem Schlaf war's vorbei. »Er war ein Verräter!« klang's um ihn her, wie von tausend Stimmen gerufen, die ganze, lange, dunkle Nacht! Nun, wenn nur erst alles vorüber war, wollte er diese Stimme schon zum Schweigen bringen. Fort, weit, weit fort wollte er, übers unermeßliche Meer nach den Inseln, wo es immer Sommer war, wo man ohne Arbeit reich ward und die Kinder des Landes unter die Füße trat! Von einem Genuß zum andern eilend würde er bald alles Vergangene vergessen. —

Am nächsten Abend ward es zeitig dunkel in der Stadt, da der Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt war, die, vom Sturme gejagt, in wilden, unheimlichen Gestalten einherflogen. Tiefe Stille herrschte auf den sonst so belebten Gassen. Kein fackeltragender Diener geleitete seine geputzte Herrschaft zu festlicher Mahlzeit; kein Mägdlein winkte der Nachbarin, um ihr in der Haustür ein Geheimnis mitzuteilen; kein Lautenspiel ertönte vom Balkon; kein junger Bursche stahl sich heimlich zur Weinschenke. Alles war totenstill, als läge ein Bann auf der Stadt.