Auch des Goldschmieds Haus lag in Ruhe und Dunkelheit. Gottfried, der noch in der Werkstatt beschäftigt war, hatte den schweren Laden vorgeschoben, so daß kein Schein seines Lämpchens auf die Gasse fiel. Die Fenster des Saales im Oberstock befanden sich auf der Rückseite des Hauses. Lautlos, in dichte Mäntel gehüllt, huschten drei Gestalten die Gasse entlang und verschwanden in der Haustür, die sich leise öffnete und schloß.
»Nur drei?« fragte der Goldschmied seine Gäste.
»Ja! Zwei unserer Brüder haben die Stadt verlassen; der dritte ist furchtsam, vielleicht gar wankend geworden. Auch wir halten's für besser, eine Zeitlang unsere Versammlungen einzustellen. Heute sind wir wohl noch sicher, da man dein Haus durchsucht hat. Ist Pater Thomas da?«
»Ja; treu und fest wie immer, beschämt er uns alle.«
Leise stiegen sie die Treppe hinauf und verschwanden im Saale.
Auch im verborgenen Gemach sprach man nur wenig und leise, denn schwerer Druck lag auf den Gemütern. Thomas aber schlug die Bibel auf und las die Worte des 56. Psalms: »Wider die Verfolger.« Bei den Schlußworten erhoben sich die gesenkten Häupter seiner Zuhörer und ihr trüber Blick hellte sich auf. »Auf Gott hoffe ich, und fürchte mich nicht; was können mir Menschen tun? Ich habe Dir, Gott, gelobet, daß ich Dir danken will. Denn Du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, daß ich wandeln mag vor Gott im Lichte der Lebendigen.« —
Horch! Was war das? Geräusch im Hause! Es mußte schon stark sein, wenn man es hier hörte! Nun war wieder alles still. Aber jetzt, o Schrecken! Jetzt glitt das geheime Pförtchen geräuschlos zurück, und in der Oeffnung erschien ein totenbleiches, von wirrem schwarzen Haar umrahmtes Antlitz. Carlos, der Verräter! Im Nu war er hinter seinen Begleitern verschwunden, und diese, handfeste Klosterknechte, drangen in den engen Raum, gefolgt von mehreren Mönchen.
»Im Namen des geistlichen Gerichts, ihr seid Gefangene«, rief einer derselben. »Auf frischer Tat ertappt in verbotener Versammlung, beim Lesen ketzerischer Bücher! Bindet die Verfluchten, und sammelt die heillosen Schriften, daß man sie verbrenne.«
Da jeder Widerstand vergeblich, Flucht aber ganz unmöglich war, ergaben sich alle, bleich und verstört, aber doch mit männlichem Mut in ihr Schicksal.
»Bald wird unsere Seele wandeln im Lichte der Lebendigen«, sprach der Goldschmied, die Arme um des Leutpriesters Hals schlingend. »Gott stärke dich im letzten Kampf, Thomas, mein geliebter Sohn!«