»O wie süß klingt es mir, daß du mich so nennst!« flüsterte der Leutpriester, dem helle Tränen über die Wangen liefen. »Dein Töchterlein wird Gott behüten; eine innere Stimme sagt mir's.«

Da riß man sie voneinander, band ihnen die Arme auf den Rücken und steckte ihnen, als den Sprechern der kleinen Schar, einen Knebel in den Mund. So schleppte man diese edlen Männer, die zu den Besten und Vornehmsten der Stadt gehörten, wie gemeine Verbrecher die Treppen hinab. Im Hausflur stand Carlos, an allen Gliedern zitternd.

»Sprachst du nicht von einem Jüngling?« fuhr ihn einer der Mönche an. »Wir fanden keinen unter den Verfluchten.«

Der Verräter aber konnte kein Wort hervorbringen; ein Blick des Goldschmieds hatte ihn vollends aller Fassung beraubt. Da packte ihn der Mönch und stieß ihn zur Tür heraus. Nun durchsuchte man die unteren Räume, fand aber alles leer, denn das wenige Gesinde hatte tödlich erschrocken das Weite gesucht, von Gottfried aber war keine Spur vorhanden.

8. Die Flüchtlinge.

Als Gottfried das gewaltsame Oeffnen der Haustür und die rauhen Stimmen der Klosterknechte gehört hatte, war er einen Augenblick wie gelähmt gewesen vor Schreck und Grauen. Ach, er ahnte sogleich, was nun oben vorgehen werde. »Ich will mit meinem lieben Herrn sterben!« war sein erster Gedanke; doch gedachte er gleich darauf des Kindes, das der Vater oft seinem Schutze anbefohlen hatte. »Sollte ich den Feinden in die Hände fallen«, hatte er gesagt, »so bringe mein Kind nach Magdeburg in Herrn Burkhardts Haus. Wohl ist die Reise weit; doch werden euch Gottes Engel geleiten!« Ja, das wollte er tun! Aber es war ja stockfinster um ihn her, da er beim ersten Schlag an die Tür sein Lämpchen gelöscht hatte. So erbrach er im Finstern mit aller Macht die Schublade, wo das Geld verwahrt lag, griff hinein und füllte die geheime Tasche seines Wamses. Aber wie sollte er aus dem Hause kommen? Horch! Laute Stimmen ließen sich im Hausflur vernehmen.

»Habt ihr die Verfluchten?« rief es die Treppe herauf.

»Ja, aber nur fünf! Den Leutpriester und den Goldschmied bringen wir gleich gefesselt herab. Schiebt den Karren dicht vor die Tür, daß wir sie hineinwerfen; schnell! Ein Bube sollte noch bei der Rotte sein; wir fanden keinen!«

»Ihr sollt ihn auch nicht finden, ihr Grausamen!« dachte Gottfried. Behende kletterte er zum hinteren Fenster hinaus in den Hof, erklomm eine Mauer, und war gleich darauf mit gewaltigem Sprung im engen Hintergäßchen angelangt. Oft hatte er im Knabenspiel diesen Weg genommen, jetzt lief er in heißer Todesangst die öden Gassen entlang bis zum Stadttor. Es war geschlossen, aber im Häuschen des Torwarts brannte noch Licht. Er war ein Freund der neuen Lehre, aber ein furchtsamer, wollte auch nicht hören, was der Jüngling zu sagen hatte. Doch öffnete er ihm willig das kleine Nebenpförtchen und löschte sofort sein Lämpchen, damit niemand Verdacht schöpfen möge.

Gottfried aber stand im Finstern auf der öden Landstraße, legte die Hand aufs klopfende Herz und rang nach Fassung. Ach, nun war es da, was man schon lange gefürchtet! O wie traurig, wie schrecklich war es! Mit Grauen und bitterem Jammer dachte er an das Schicksal der beiden edlen Männer, die er so sehr liebte und ehrte! Kein Mensch konnte sie retten! O, wenn sie nur erst droben wären vor Gottes Thron! Welch schrecklicher, schmach- und schmerzvoller Weg stand ihnen bevor! Aber Annchen und die brave Grete konnten, ja sie mußten noch gerettet werden; und er mußte es tun! Darum vorwärts, vorwärts! O, wenn er nur Flügel hätte! Der Weg war so weit, so uneben, so schwer zu finden im Dunkeln! Im Laufen gedachte er auch seiner Mutter, die ihn früher so liebreich, in der letzten Zeit so kalt behandelt hatte. Was würde sie nun tun? Und welch ein Kampf stand ihm wohl bevor? Im Laufe fiel er mehrmals zu Boden, über Steine und Wurzeln stolpernd, geriet auch in schmutzige Pfützen, daß sein Gewand übel zugerichtet ward. Aber jetzt! Jetzt zerteilten sich die Wolken, und das Mondschifflein glitt leuchtend dazwischen hervor! Nun konnte er eilen; ja, er flog dahin wie ein Wettläufer im Kampfspiel! Es galt ja Annchen zu retten! Wie kam es doch, daß er jetzt erst merkte, wie lieb sie ihm war?