»Sicherlich! Spricht doch der HErr ausdrücklich: ›Trinket alle daraus!‹«

So ging es eine Weile fort in immer heftiger werdender Frage und sanfter, fester, in Gottes Wort gegründeter Antwort. Aber ach, Thomas hatte fast die ganze Nacht bei dem kranken Freunde gewacht, und heute noch nichts gegessen, als einige Bissen hartes Brot. Darum erlahmte seine Kraft endlich; er legte die abgemagerte Hand an die Stirn, und konnte die klaren Sprüche der heiligen Schrift, die den Gegner widerlegen sollten, nicht mehr so schnell finden. Darauf hatte der schlaue Feind gewartet, und fing nun erst an, den Kern und Stern der heiligen Schrift, die Lehre von dem alleinseligmachenden Glauben, mit Macht und List zu bestreiten. Lange widerstand Thomas tapfer, sank aber endlich mit dem Rufe: »Ich kann nicht mehr«, aufs Stroh nieder.

Da geschah etwas Wunderbares. Der Sterbende, der schon seit mehreren Tagen das Haupt nicht erhoben hatte, richtete sich auf und sprach, die abgezehrte Hand erhebend, laut und feierlich die Worte:

»So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben! — Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!«

Dann sank das matte Haupt aufs Lager zurück, und Totenstille herrschte in dem halbdunkeln Raum.

Dem hohen Würdenträger aber ward es seltsam zumute, als fühle er den Einfluß einer Macht, der er nicht gewachsen war. Er stieß die Pelzdecke hinweg, rief dem draußen harrenden dienenden Bruder, und verließ, auf ihn gestützt, das öde Gemach.

»Bring den Ketzern eine Suppe«, rief er dem Kerkermeister zu. »Sie sind erschöpft; ich möchte nicht, daß ein natürlicher Tod dem Feuer zuvorkäme, dem sie verfallen sind.« Damit bestieg er den Kahn und verließ die Insel.

Als der Kerkermeister bald darauf mit dem dampfenden Suppentopf das Gefängnis betrat, fand er Thomas in tiefer Ohnmacht, den Goldschmied aber tot, mit gefalteten Händen und wunderbar verklärten Zügen. Sein Glaube hatte die Welt überwunden!

10. Der Befreier.

Als Thomas aus seiner Ohnmacht erwachte, kannte sein Jammer und Schmerz über den Tod des geliebten Leidensgefährten keine Grenzen. Laut weinend warf er sich über ihn hin, rief ihn mit den zärtlichsten Namen, küßte die erblaßten Lippen und streichelte die eiskalten Hände. Ach, wie furchtbar war es, nun ganz allein zu bleiben, und auch den letzten entsetzlichen Weg allein gehen zu müssen ohne Zuspruch und Vorbild des väterlichen Freundes! Ach, es war fast zu schwer! Doch dauerte dieser heftige Ausbruch des Schmerzes nicht lange. »O wie selbstsüchtig bin ich doch!« sprach er bald. »Sollte ich mich nicht freuen, daß er den Händen der Grausamen entronnen ist, und Gott ihn sanft hinübergeführt hat ins Himmelreich? O, ich seh' ihn im Geist am Throne des Heilandes knieen, der ihm die Krone der Ueberwinder aufsetzt! Bald, bald werd' ich ihm folgen, wenn auch auf rauherem Wege. Was sind einige Stunden irdischer Qual gegen die himmlische Freude, den ewigen Frieden? Ich will an die zarten Jünglinge denken, von denen mir Muhme Lene erzählte.«