Dennoch flossen seine Tränen unaufhaltsam, als er, an dem elenden Sterbelager sitzend, immer von neuem die abgemagerten Hände und die edle, hohe Stirn des Ueberwinders küßte.

Gegen Abend trat der Hüter wieder ein und sprach: »Es ist Befehl vom Kloster gekommen, daß Euer Freund noch heute an abgelegener Stelle eingescharrt und sein Grab mit Steinen bedeckt werden soll.«

»Nun wohl«, entgegnete Thomas; »er wird trotzdem am Jüngsten Tage die Posaune der Auferstehung hören, und hervorgehen zu ewiger Freude und Wonne! Aber ich bitt' Euch, laßt mich Euch begleiten, wenn man ihn ins letzte, kalte Bett legt! O, versagt mir's nicht! Still und geduldig will ich dann wieder ins Gefängnis zurückkehren. Ihr seht ja selbst, daß ich kaum mit Mühe einige Schritte tun, geschweige denn entfliehen kann!«

»Es sei«, erwiderte der Mann. »Ihr seid Leute, deren Wort man trauen darf. Mein Weib will ein sauberes Laken hergeben, den Toten einzuhüllen.«

So wusch Thomas das teure Antlitz und die treuen Hände des Freundes, strich das ergraute Haar glatt und gab ihm den Abschiedskuß. Dann hüllte er ihn mit Hilfe des Kerkermeisters in das Leintuch, kniete nieder und betete lange. Nun kamen zwei rauhe Klosterknechte, den Toten fortzutragen, und Thomas erkannte einen davon wieder; es war derselbe, der im Kahn ihm gegenüber gesessen. Auf des Kerkermeisters Arm gestützt wankte er aus der Tür, und die klare, frische Luft, die er so lange nicht geatmet, berauschte ihn fast. Am Abendhimmel blinkte schon hier und da ein Sternlein auf, und leise rauschten die Wellen des Flusses. Nicht weit vom Turme, mitten in dichtem, jetzt noch blätterlosen Gebüsch, hatte man das Grab gegraben; der Leichnam ward still hineingesenkt, eine Schicht Erde und viele Steine darauf geworfen.

Als Thomas niederkniete, um zu beten, entblößten auch die rauhen Männer das Haupt, und lauschten den herrlichen Worten, die ihnen ganz fremd waren:

»Wenn der HErr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens, und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: ›Der HErr hat Großes an ihnen getan!‹ Der HErr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich! HErr, wende unser Gefängnis, wie Du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.«

Nun war alles vorüber, und nach wenig Minuten lag Thomas einsam auf dem nun so verlassenen Lager. »Schlaf wohl in deinem stillen Grab, du frommer, edler Mann! Du hast viele zum Kreuze Christi gewiesen; aber auf dein Grab ward kein Kreuz gesetzt! Du hast viele Nackende gekleidet; dir aber versagte man das Totenhemd! Dein Herz war so warm, so liebreich, daß es gern jedem helfen, jeden erfreuen wollte; und doch bist du vergessen, ja man scheut sich wohl gar, deinen Namen zu nennen! Aber dies alles schadet dir nicht mehr! Hat dich doch der Heiland an Sein Herz geschlossen, und deine Stirn mit Seinem Kreuz bezeichnet! Kleidet Er dich doch in die weiße Seide Seiner Gerechtigkeit, und wischt alle, alle Tränen ab von deinen Augen!« Das waren die Gedanken des Leutpriesters in dieser endlos langen, einsamen Nacht.

Ach, in der bitteren, schauerlichen Einsamkeit, die ihn nun umgab, fühlte Thomas doppelt lebhaft, welcher Trost und Halt ihm der ältere Freund gewesen. Da war es ein kurzes Sprüchlein, das er besonders liebte, das ihn immer von neuem aufrichtete, ihm Geduld und Kraft gab, und das schwache Lichtlein des Glaubens und der Hoffnung nicht gänzlich verlöschen ließ. Es war das herrliche Wort, das schon manch einsames Herz getröstet hat: »Siehe, Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!« Ja, der allmächtige, liebreiche Heiland war bei ihm! An Seine Brust legte er sich, wenn er aufs harte Lager sank; Sein Geist sprach ihm manch süßes Trostwort zu!

Aber nach einigen Wochen schien es, als kümmere sich auch ein irdischer Freund um den Verlassenen. Es ward manchmal etwas durchs Fenstergitter geworfen, das kaum aus Kinderhänden kommen konnte: ein derbes Stück Wurst oder Rauchfleisch, ein Käse, ja sogar ein Lederfläschlein voll Wein, wie es die Reiter gern bei sich trugen. Obgleich die geschwächte Natur des Gefangenen das stärkende Getränk nur tropfenweise vertragen konnte, tat es ihm doch gar wohl!