– Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie mehr herausziehen. Manchmal glaub’ ich, es gibt irgendwo um mich herum ein Fenster, wenn ich da durchsehen könnte, ich sähe alles richtig. Aber Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mußte alles durch ihr Fenster sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch etwas Verzeichnetes. Du mußt achtgeben, Ruth! Wie du mir da entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so ähnlich geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus.
– Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb.
Es war ganz dunkel geworden. Und die nächsten Bäume in der Allee standen wie wachende Ungeheuer, riesengroß, verworren, unankämpfbar.
– Ich fürchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die Menschen drüben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt und unschädlich. Wenn sie jetzt hieherkämen, sie wären wie die Räuber im Wald, Verbrecher –
Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hörbar: – Die Blätter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mörder. Aber unsere Nächsten – hörst du, Ruth, hörst du, – unsere Nächsten, das sind unsere nächsten Mörder. Doch das darfst du Mutter niemals sagen!
Mittagessen
Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief.
Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer, weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich: mach’ es gut, mach’ es rein, mach’ es hell. Aber der Widerwille ihrer braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles kalt, leer und fremd. Mutter sagte: – Warum hilfst du nie mit? – Sie gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung „den letzten Anstrich“, wie sie es nannte. Und dann – nun dann stand eben alles schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe. Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den hohen Räumen – tastend und auch schon verzeichnet.
Wie hatte Onkel Gustav gesagt: – nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter – vor Onkel Gustav – dunklen Zimmern – dämmernden Spätsommergärten – vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild – vor wem?
Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer. Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie las – genau wie immer.