Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz, wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer.
Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war klein und zart und viel zu jung – ganz wie immer. Sie hatte es nie gewußt.
Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt, wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging, ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos.
Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen –
Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es und denkt das durch, ganz durch ...
Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.
Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.
Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen, weil sie Mutters Kind ist.
Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn von und dann etwas mit „-berg“. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.
Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und wurde mit Aufmerksamkeit angehört.