Auch Ruth hielt Mutter für mächtig, für allmächtig. Sie stand himmelhoch über den Dienstboten und Bonnen. Sie besaß die Schlüssel zum Wäschekasten, zu jener blendenden Fülle weichen, weißen Leinens, die zu sehen allein schon schläfrig macht wie ein zu heißes Bad. Sie besaß jeden Silberlöffel, jede Schüssel, jedes Glas Milch so intensiv und eigentumsdurchsättigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschätze. Und war daher reich in einer Dürftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten empfand.

Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha mit ihrer überlegenen Stimme: – Nein, wissen Sie, in dieses Hotel können wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. – Ein ungeheures Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider; was das nur heißen sollte? Sie glaubte, mißverstanden zu haben.

Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor immer ihr Taschengeld.

Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon durch tausend häßliche Hände gegangen war, über Wirtshausfußboden rollte. Mutter besaß es in ungezählten Mengen. Es war nur ein Prinzip, daß sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lächelte immer verächtlich, wenn man von Geld sprach.

Ruth hatte kein Gefühl für Zahlenverhältnisse. Den Unterschied zwischen hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von Mutter. Nur daß diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige Heller trauerte, während sie Tausende verschleuderte.

Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Güte oder um anderen eine Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heißt, ihn ganz von sich losreißen, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken. Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre liebste Bluse plötzlich dem Stubenmädchen und wenn eine Freundin auf Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher vor plötzlichem Ausgestoßenwerden.

– Es ist schade, daß man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr bringt, sagte sie einmal.

Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persönlich eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich riß. Sie gab sich den Dingen hin und füllte sie so voll mit ihren dämmernden Gedanken, daß ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, übersättigt vom eigenen Selbst. Und sie mußte plötzlich auf die Straße laufen, stöhnend vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden.

Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollüstiger Freude und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schämte sich darüber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heißer Zorn wühlte in ihr, wenn alle anderen nicht größer waren als sie. Sie wollte das Kleinste sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem Freunde: – sehr kindisch – und sehr unreif – eigentlich viel zu unreif für ihr Alter.

Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Münze aus der Geldbörse zu nehmen, war für sie ein Wagnis, ein Heldenstück, das ihr immer unmöglich sein würde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein Festnehmen von feindlichen Objekten – schwieriger, als einen nassen Salamander in der Hand zu halten.