Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrüstigen Vorstadtgärten, zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter krank gewesen und mußte im Frühling eine Reise machen. So war nicht genug Geld da, noch einmal fortzufahren.
Als Ruth zum ersten Mal davon reden hörte, daß sie heuer nicht wegfahren müsse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche.
Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr, unaufhaltsam näher rückend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es kommt ein Tag, da muß ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reißt mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen, auf der Hauptstraße liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich muß alle Tage vorübergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel über unserem Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir verwachsen. Aber fortmüssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
Sie wußte nicht, daß jeder Mensch mit seiner täglichen Umgebung organisch verbunden ist. Daß ein Weiterrücken im Raum auch ein Weiterrücken im Leben sein muß. Und doch stöhnte sie unter dem Zwang.
Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel gesehen. Mit verschwommenen Kirchtürmen. Das war ihr Horizont, ihre Ferne, ihr Land gewesen.
Und nun saß sie in den staubgeschwängerten Vorstadtgärten. Ihre müden Blicke wuschen den Ruß von den welkenden Blättern. Sie dachte an einen Wald, eine grünsatte, schwelgende Fülle. Die schlank hinansteigt in abendhelles Blau. Und sie mußte hier sein.
Ihre Strümpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben ihr auf der Bank erzählte ein Dienstmädchen einem anderen, sie habe fünfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekäme – sie roch nach Schweiß.
Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und Blechkübeln. Und es rollte ein ferner Donner.
Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlöcherte Hosentasche. Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr, immer mehr ...
Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt wie geschmolzenes Metall.