Ruths Schuh hatte einen Riß, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine Falte. Aber es war ein Riß. Quer mitten durch.

Sie stand auf und ging durch die Straßen, wo die größten, üppigsten Geschäfte waren. Schon wurden die Lichter angezündet. Gierig aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer.

Ruth dachte: Über meinen Schuh geht ein Riß – keine Falte – über meine Hand geht ein Riß – ist das Schmutz – und über mein Gesicht – vielleicht ist das Blut.

Sie ging hinter einer üppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren wunderbaren, geraden, feinen Absätzen, die nicht einen Millimeter zu hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust überkam sie, das weiche, eng anliegende Leder zu fühlen, zu streicheln, an sich zu locken.

Das Parfüm roch betäubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: – Es ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezählte schmierige Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der durchsichtigen Flüssigkeit. Ich möchte sie nicht berühren. Aber teuer. Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke – ich könnte sie niemals darauf küssen – ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie verachte. Aber die gelben Schuhe möchte ich besitzen –

Ein paar große, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige Pflaster. In den Häusern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame Vorhänge wurden zugezogen.

Die große Blonde ging in ein großes Haus. Über breite Stiegen mit dicken Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit großnetzigen Schleiern vor den Gesichtern.

Sie gingen durch eine große Glastür. Es roch betäubend nach Seife, dickem Parfüm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mädchen in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, großgewellten Schopf fragte Ruth, was sie wünsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgängerin sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle geführt, wo ein gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war.

Eine Welle mattweißen Schaums ging über ihr Gesicht, über ihren Kopf, über die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven dehnten sich weich und ringförmig. Das junge Mädchen hatte schlanke Hände mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern.

Ruth dachte: – Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier sein und ihre Hände sind schön und unnahbar. Am Abend geht sie nicht nachhause. Wo sie da hingeht –