Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie verwischtes Gold in der marmornen Waschschüssel.
Sie spricht nicht mit mir, – wußte Ruth, – weil ich ein verwaschenes altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie erst den Riß über meinem Schuh sähe, oder ist es nur eine Falte? – Ruth schämte sich maßlos.
In der Zelle daneben aber plauderte die große Blonde lustig darauf los mit einem von den anderen jungen Mädchen. Sie schwatzten wie zwei Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf – aber sie tut es nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er – Ruth spürte, daß er ein Monokel trug und manikürte Nägel hatte – und die Blonde kicherte fortwährend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und bewundernd: – Aber gnädige Frau und dann sprach man von einem Armband. Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschüssel eine Fülle von Kristallen, in denen sich das Licht brach, so daß die Farbenmenge schwindeln machte. Sie wußte, das gibt es alles, zwei Häuser weit weg, bei dem großen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe ja kein Geld – und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie dem Friseur auch werde zahlen können. Sie dachte sich Unsummen aus, die es kosten müsse, ja müsse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mörder auf das Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mußte.
Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glückseliger. Ruth dachte in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein dürfte. Ich könnte mich dann gar nicht so fürchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein – das hieße ausruhen.
Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drückte in die kühlen Hände des jungen Mädchens ein fürstliches Trinkgeld. Und stürzte davon wie ein ertappter Bettler.
Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren es die kühlen, langen Nadeln, die ihr das Mädchen in den Knoten gesteckt hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und sie sehnte sich das Haar lösen zu können und den Kopf hineinzuwühlen.
Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbücher. Die Lampe über dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrünen Schirm. Nur um Gottes Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster waren rot und die Frauen in den großen Straßen hatten rote Wangen. Hier grüßten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und weich.
Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den ledernen Handtäschchen der Damen blinkte es silberhell. In den Geschäften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes Holz, fremde Blütenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hüte, Diamantarmbänder ...
Heute bemerkte Ruth, daß sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie fühlte einen Taumel fremder Geschäftigkeit um sich, dem sie nicht gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf. Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glückseligkeit. Sie wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Müdigkeit. Quer über den einen Schuh lief ein Riß.
Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe unter dem dunklen Sitz.