Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare. Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.

Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle, die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mußte kostbar sein.

Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken und strahlte mit blendend weißen Zähnen. Ihr Körper war schlank und frei wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee für sich und den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit weißen Fellen und samtenen Vorhängen.

Ruth liebte die Milliardärstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit dumpfer Wut auf das verkrümmte Ladenfräulein neben sich, das an den Nägeln kaute und schnalzte.

Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er einen Schlapphut. War also ein Künstler.

Das Atelier. Köstliche, großgeblümte Teppiche. Glatter weißer Marmor. Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang.

Der Park des Milliardärs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde Blätterfülle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde, verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardärstochter reitet auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfüm, wie die Blonde heute auf der Gasse.

In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: – Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzündung. Ich komme gerade aus dem Spital. Was soll man machen? Aber schön ist es, das Stück.

Und Ruth dachte: – Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schweiß. Vielleicht hat er Schuhriemen gemacht für den Grafen. Oder Zaumzeug für seine Pferde. Aber die Milliardärstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist. Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrügt.

Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte. Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der Friseur an der Kasse, nur daß er so gut angezogen war. Und einen Abgrund vor der Milliardärstochter, die genau so strahlende Zähne hatte, wie die große Blonde.