Nichts als Abgründe, Löcher, Klüfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen.
Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten läßt. Nein, nicht mehr.
Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer. Nur Schmutz.
Über Ruths linken Schuh lief ein Riß. Es war bestimmt keine Falte, es war ein Riß.
Sie wünschte sich den ganzen Abend: ich möchte Seidenstrümpfe haben, wie die Milliardärstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes.
Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem sträflichen Müßiggang, den Richard nicht vergaß, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum zu erwähnen.
Mutter schüttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: – Es nützt alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel. Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt?
Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hände mit fast zu heißem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hände ganz tief in die Waschschüssel steckte und das heiße Wasser durch alle Poren in sich hineinströmen ließ, schlossen sich ihre Augen und sie fühlte sich über Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen.
Sie mißhandelte ihr Zimmer. Es war häßlich. Alte, verschnörkelte Möbel. Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus zerschlissener Seide. Sie stülpte ihn verkehrt auf den Boden, rückte den Tisch schief in eine Ecke. – Schämst du dich nicht, wie dein Zimmer aussieht, sagte Mutter.
Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger servierte.