Sie wollte nicht mit Mutter auf die Straße gehen, weil Mutters Mantel schon sechs Jahre alt war.

Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd.

Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe.

Es war alles gleichgültig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man armselig und fast lächerlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber ganz elend sein, betteln gehen.

Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons glückliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein ein Vermögen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene Kissen. Und dann saßen sie in hochwandigen Speisesälen und sahen hinaus über ungemessene Entfernungen.

Geld haben heißt weiterkommen. Weiterrücken im Raum. Und das heißt, weiterrücken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert war sehr viel da. Mutter liebte ihn.

Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten Kleidern, die ihr schlecht saßen. Sie ging durch die elegantesten Straßen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war.

Sie traten in eine der ersten Parfümerien. – Hier wollen sie etwas kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. – Ja, warum nicht?

Sie wählte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es überstieg weit den schmächtigen Inhalt ihres Portemonnaies. – Ich habe mein Geld vergessen, können Sie für mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner biederen Geldbörse.

Auf der Straße sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: – Wissen Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich habe sie aus dem Korb gestohlen.