– Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst.
– Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die behalte ich mir, die gehört mir, mir ganz allein. – Fräulein Ruth, nein, das ist nicht möglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurück, gehen wir. – Gewiß nicht, ich glaube gar, Sie fürchten sich, mit mir zu gehen? Bitte. – Nein, aber Ruth, so etwas dürfen Sie doch nicht tun, Herrgott, das ist ja furchtbar. – Ach, lachte Ruth, das mache ich immer – und fast schämte sie sich, so zu lügen. Sie hielt die Seife krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, daß die Schulter schmerzte. Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmüssen preßte ihr die Zähne zusammen.
Sie gingen durch trübe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war dunkelrot. Dann stotterte er: – Wenn Sie die Seife haben wollen und haben müssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr – Sie lachte grell und höhnisch: – Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind.
Und dachte: Du kleinseliger Krämer du, du ahnungsloser. – Lassen Sie das, Norbert, – fuhr sie fort, – es steht nicht dafür. Es nützt doch nichts. Ich habe es vom Großvater. Der hat auch alle seine Pferde verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, daß ich einen grauen Lappen um den Kopf binden muß, wenn es schneit, wenn ich dann so ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus ihrer Börse, nicht wahr? – Ich werde Ihnen immer alles geben, Fräulein Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. – Vielleicht komme ich auch ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, können Sie sich vorstellen, daß man etwas haben muß, so unbedingt haben muß, daß man einem andern auch Böses tut, ihn umbringt, für Geld umbringt? Können Sie sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. – Ruth, Sie sind krank. – Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind gar nicht alle krank.
Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen: – Wir tragen die Seife jetzt zurück. Wenn Sie das Geld nicht nehmen wollen. Es war ein Irrtum.
Ruth warf die Seife einem verkrüppelten Bettler, der an der Mauer lehnte, in den Hut und sprach im Vorübergehen: – Er soll sich auch einmal mit etwas Gutem waschen können. Und sie sah Norbert nicht mehr an und gab ihm nicht die Hand zum Abschied.
In den nächsten Tagen aber trauerte sie um das Stück Seife, wie um ein Stück verlorene Seligkeit. Sie haßte Norbert. Einmal hatte sie es gewagt und er hatte alles verdorben. Und warum – weil er dumm war, grenzenlos dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und verschlang sie.
Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Köchin. Aber es war wieder ganz unmöglich.
Sie fühlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben Metalls. Das nach Schweiß stank und den Duft exotischer Blüten in sich trug und ein Rauschen von seidenen Röcken.
Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlüssel mit sich in einem uralten Handtäschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wäsche mit gehäkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine Nagelschere und ein Nähkästchen und vielleicht noch eine Photographie. Nein, davon hätte Ruth nichts haben wollen.