– Mutter, das ist eine Gemeinheit.
Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard sagte: – Natürlich, du kannst immer nur rüpelhaft sein. Es ist wirklich schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt.
Ruth sprang auf: – Ich glaube, ihr wißt alle nicht, wer Vater war.
Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um.
Am nächsten Tag suchte Ruth ein junges Mädchen auf, dessen Verkehr ihr von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nähschule kennen gelernt. Das junge Mädchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schäbigen Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren.
Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikürten. Sie wurde mit überströmender Liebenswürdigkeit empfangen. Aber sie haßte manikürte Nägel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie kühl, obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglänzenden Schächtelchen waren und die rote Lampe darüberhing, bekam sie eine tolle Lust, mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weißes, gelbes Puder vermischt über das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in die Arbeit nahm.
Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist. Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bißchen wie der liebe Gott mit dem weißen Bart. Nur daß die Schminke rot war.
Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und beide tanzten durch das Zimmer.
Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie saßen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, daß die Wände überfüllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und trockenen Maiskolben.
Aber es war sehr lustig. Direkt gemütlich. Ruth fühlte sich wunderbar wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswürdigen Theaterdirektor eigens einstudiert worden wäre. Eigentlich wußte sie nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge.