Ein Leutnant mit etwas herunterhängender Unterlippe setzte sich an das Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Schoß und er küßte sie. Er hatte große, schwarzgerauchte Zähne. Ruth dachte an Norbert. Ekelhaft.
– Ich muß nach Hause gehen. O man war sehr betrübt darüber. – Aber ich komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne hinein und quer über ihr gerötetes Gesicht.
Auf der Straße verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus.
Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten Töchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, daß Ruth so spät abends allein nachhause käme. Die drei Schwestern schielten eigentümlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die Älteste öffnete den Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. – Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr war ja so übel.
Bella war glücklich. Die drei Mädchen da drinnen zankten sich alle Morgen. Gingen dann einträchtig den ganzen Vormittag Einkäufe machen für ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte, die sie grüßten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewöhnlich war die Mutter zwischen ihnen.
Sie warteten ihr ganzes Leben, daß einer käme. Aber einer, der vornehm war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Märchen. Und sie, Ruth, wartete auch. Nur daß sie so gar nicht wußte auf was. Bella war glücklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte schwarze Zähne.
Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der saß an erster Stelle in einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weißen Bart. Sie, Ruth, hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden für Bella, für den Leutnant, für den Theaterdirektor. Vielleicht auch für Mutter. Es war eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken, überhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein – und schlafen – sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ...
In der Nacht träumte sie von einem breitästigen Baum voll dichter, gelbwelkender Blätter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brücke und der Baum war weit draußen in einem dunkelglatten See. Aber hinter ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich, wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Blütendolden. Über die Brücke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brücke und sie war ganz klein, hatte kurze weiße Socken an, ein weißes Matrosenkleid mit hellrosa Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters Haare waren weiß.
Am nächsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter für die ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte. Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: – Ich gehe nicht in Gesellschaft.
Aber nachher mußte sie gehen. Sie war die Jüngste und mußte Martha begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter ließ ihr Abendkleid herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrümpfe. Da fand Ruth, daß die Sache eigentlich doch dafür stehe. Sie setzte sich vergnügt auf den Tisch und probierte die Seidenstrümpfe an. Richard kam in das Zimmer. Mutter rief: – Ruth, schämst du dich nicht. – Nein du hast sie mir ja gekauft, damit man sie sehen soll.