Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklärte dann, die Strümpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar. Und sie ging ohne Seidenstrümpfe zu Norberts Eltern.
Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gästen zu und war übertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der Salon war verschnörkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei überflüssige Tische standen da und in der Ecke hing ein großer Makart. Sonst unzählige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle Geschenksvasen.
Ruth dachte: Ich möchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber paßt er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was für eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebändigte Mund – nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater hat einen eleganten, schneeweißen Scheitel. Und das ist auch alles.
Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein hübsches, liebes Mädchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen. Ruth fand, daß Norbert einen sehr vernünftigen Geschmack habe. Ihr gelblicher Spitzeneinsatz paßte wunderbar zu seiner grauen Weste.
Ruth merkte wohl, daß man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm eigentlich alle ähnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen muß, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hände abschneiden wollte, man könnte die einzelnen Paare durcheinander werfen und sie wären nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte gähnen.
Da kam ein Leutnant zur Tür herein mit herabhängender Unterlippe und dunklen Zähnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja bei Bella getroffen. Nur daß er heute im Waffenrock war und ganz frisch rasiert.
Er wurde mit Jubel begrüßt. Norberts Vater schüttelte ihm beide Hände. Er lächelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er sich dunkelrot vor Bestürzung. Sie sagte strahlend: – Uns brauchen sie einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon.
Ruth war nicht mehr schläfrig. Ein Interesse, daß sie erwachen gefühlt hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwährend den Leutnant. Er wich ihr aus.
Man bat den Leutnant stürmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten. Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine entzückende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor und sagte, liebenswürdigst lächelnd, während ihre grünen Augen forderten: – Du mußt – Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie wissen schon.
Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt hatte, was Bella gesungen hatte. Und – war denn das möglich? War das möglich, daß Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mädchenstimme, diese Worte? War es möglich, daß man rasend Beifall klatschte und Norberts Mutter duldsam lächelte, während sein eleganter Vater sich köstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worüber man nachdenken mußte.