Ruth sah über das nüchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten elektrischen Flammen angezündet wurden. Und wütend dachte sie: Herrgott, wenn ich nur eine Ahnung hätte, was ich dem Kerl habe sagen wollen. Nein, so was Dummes.

Sie aß drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an. Dann sagte er: – Sie müssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter – und ich bin doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders werden –

– Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewiß nicht, Sie wollen eine riesige Dummheit sagen –

– Ruth, Sie wissen doch alles –

– Nein, ich weiß nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die Nelken. Und im übrigen – ja, im übrigen, ich wollte Sie dringend bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Außerdem: er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr Großvater war doch Minister – eigentlich könnten wir jetzt die Sitzung aufheben.

Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem ungeglätteten Bett. Neben seinem Kopf ein Öllämpchen und auf dem Boden davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt.

– Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie riß das Fenster auf. Er hustete furchtbar. – Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. – Nein Ruth, daß du so etwas sagen kannst. – Ich verstehe überhaupt nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zähnen. Die ist doch zum Beißen da. – Ruth, weißt du, daß du mir weh tust? ... Onkel Gustav richtete sich im Bett auf und seine großen, runden Kinderaugen glänzten noch mehr als sonst ... Natürlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich lieb. Weißt du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine große Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein großes Gefühl. Du glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so großes Gefühl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche.

Ruth sah auf die Schmutzpfütze des Hundes mitten im Zimmer und dachte: Nein, daß Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu wischen, mit einem Handtuch – wie ekelhaft.

Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit Martha abzugewöhnen, da hätte sie viele Vasen zerbrechen müssen. Und sie erkannte mit schauderndem Entsetzen, daß alles Mitleid zu Verachtung wird, wenn es der Alltag abnützt. Da hilft kein Verstehen.

Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch –