Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie ihn auf der Straße, eingehängt in seinen Freund, den Leutnant.
Brand
Als Ruth das nächstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim Fenster. Dessen grobe, breitästige Knochen preßten das Zimmer zusammen, ließen die Frühdämmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen die Haare kurz und strähnenglatt herunter.
Onkel Gustav hustete so furchtbar, daß Ruth Schleim und Blut vor sich tanzen sah.
Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf dem Boden, steinhart.
Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der Mensch verbeugte sich linkisch hochmütig vor Ruth, murmelte etwas und ging fort.
– Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschöpft da lag. – Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. – Wie heißt er? – Thomas. – Und noch? – Wozu willst du das wissen? – Ich bin eben neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, daß er zu dir kommt. – Das ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu kränken. Jeder Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann wieder zu husten.
– Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir gefällt, dieser dein Freund oder was er ist. – Er ist mein Freund. Ruth, wenn du den kennen würdest, wirklich kennen. – Wie verhält sich Norbert zu ihm? – Er hat ihn noch nicht gesehen. – Ach so ... Gustav hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. – Was ist das für ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. – O weh, die hat Thomas vergessen. – Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. – Nein, er vergißt bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht, hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. – Weißt du was, ich möchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. – Nein, Ruth, das geht nicht – Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf – das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er wohnt ganz draußen in der Vorstadt. – Das macht mir gar nichts.
Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: – rasch, die Adresse. Onkel Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger Friseurin. Ruth lachte schrill: – nein, mit was für Leuten du verkehrst ... und sie sprang über die Stiegen.
Die Luft war weich und frühlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai. Aber die kahlen Bäume waren herbstmatt und ergeben.