Ruth lief durch die dunklen Gassen und fühlte, wie sie mit jedem Schritt in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein verprügelter Hund. Und doch lockte und zog.
Sie wollte den nacktsträhnigen, groben Kopf nicht berühren, nein, niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach. Ganz arme übermüdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Während die Muskeln zu schlaff sind, das Gerüst zu tragen.
Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wütende Angst hielt sie zurück, sie könne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prügelt, erbarmungslos über die steinige Straße, brüllend, schimpfend, fluchend und mit der Peitsche.
Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das Mappenungeheuer in einen Straßengraben werfen. Oder doch vielleicht zuerst hineinsehen – ja, zuerst hineinsehen.
Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmänner und Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und schämte sich. Bei einer unanständig dicken Kellnerin bestellte sie Tee. Und war verzweifelt über die schmierig braune Marmorplatte.
Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ...
Ruth schließt die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie muß Thomas seine Hefte bringen.
Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz dunkel.
Das einstöckig verkrochene Haus lag weit draußen, am Rand der ersten fahlen Fabrikswiesen. Gelbrötliches Licht träufelte aus seinen niedrigen Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar.
Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht läutet man bei fremden Menschen an und die sind dann böse. Und eigentlich war Thomas sogar auch ein fremder Mensch.