– Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. – Aber wir müssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb zehn.
Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand an den Hals griff, der Daumen stand eigentümlich scharf weg wie die Klinge eines Messers.
Ruth wußte, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine Milch bekommen haben. Nur zähes Fleisch von wilden, geschlachteten Tieren. Und sie sah während des Abendessens fortwährend auf Richards Hände, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten.
Die kleine Weißnäherin Gertrud ließ sich den ganzen Abend durch von ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin oft in das Haus gekommen, o ja und die gnädige Frau hatte Perlen, eine endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weißlackierten Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das Netz. Und die gnädige Frau erzählte von Paris, immer von Paris, sie hatte auch Pariser Parfüm.
Die Wangen der alten Friseurin glänzten wie frisch geschminkt. Gertrud fuhr mit feuchten Händen über die Tischplatte, daß große nasse Flecken auf dem Holz zurückblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt mit aufgestützten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. – Was habt ihr mit den fremden Leuten, grollte er.
Gertrud sagte: – Das Leben. Ihre ermüdeten Augen starrten an ihnen vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen – in der Bahn liegen, einen zärtlichen Atem neben sich – genießen – oder: ganz klein sein und in einem weißen Gitterbett liegen mit geraden Gliedern, die wachsen dürfen.
Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle unerlebten Träume, alle schäbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten darin. Thomas’ Schulstunden. Und die Reißbretter des kleinen Bruders, der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden sollte, werden mußte.
Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen, blauadrigen Finger nähten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus über die Rücken der Vorübergehenden nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich erbrach und heulte, daß man es genau hören konnte, trug ein Kind, dessen Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glück.
Gertrud schätzte den Wert ihres erwürgten Lebens wie ein Sterbender den letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dünnen Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie nähte schöne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide. Seligkeit, die anziehen zu dürfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule gehen zu dürfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie Thomas. Welche Betätigung der eigenen Kraft. Wie herrlich für ihn, daß er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermöglichen, etwas besseres zu werden – das war Menschenglück.
Thomas’ Schulkinder saßen Nachmittage lang an Gertruds Nähmaschine. Sie erzählte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nähte. Die Kinder waren zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Schoß. Das sie nicht verstand und doch aufsaugte.