Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud für eine Heilige. Denn sie liebte und stützte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er wußte, daß, wenn sie eines abends nicht da wäre, die fettige Petroleumlampe nicht mehr brennen könnte, auch nicht bis halb zehn. Und dann wäre alles aus.
Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an die Liebe. Er glaubte an das Wort.
Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen können – dann müßte sein ungebadeter Körper rein werden.
Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibübungen der Kinder. Und dann mußte das Licht gelöscht werden. Zwei bis drei Hefte blieben noch zurück für den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu ändern.
Ruth empfand es in den nächsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als peinlich mit entblößtem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte: es müßte gut sein, zu wissen, daß man nie mehr im Leben einem Mann die Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen – ach nein, entsetzlich.
Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was für struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wäre, ich müßte zum Fenster hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor Thomas riesengroßer Zahnlücke.
Eine Woche später war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dämmerung. Die Nähmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurückgeschlagen und die roten Flammen verzerrten seine knochigen Züge. – Ich komme Ihnen erzählen, daß es Onkel Gustav sehr schlecht geht. – So.
– Ja ich komme Ihnen das erzählen, Sie sind doch sein Freund, oder nicht? –
Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wütend: Eigentlich könnte ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging Ruth ihm nach.
In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne Bücherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten Schulbüchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder. Nichts in diesem Raum gehörte Thomas. Nur seine eigenen massigen Knochen.