Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht, klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er sieht überhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, daß sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schläfen hatte.

– Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den Beinen. Den kahlen Wintermantel knöpfte sie auf. Und sie nahm sich vor, den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren wiederzugeben, dann müßte er sie spüren.

Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. – Höflich sind Sie nicht, lachte Ruth. – Er blieb vor ihr stehen. – Wozu auch. Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum.

Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen. Sie zerdrückt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas’ Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer keucht, wer stöhnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst – o wie schlecht ist mir –

– Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar daneben erwartet ein Kind und das hören wir immer so genau.

– Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. – Sie stand vor ihm, ihre grünen Augen waren ganz groß geworden.

– Was noch – O Thomas, Sie müssen furchtbare Nächte haben.

Da küßte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon.

Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage später auf der Straße. In den frühen, toten Nachmittagsstunden.

Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in die Mauer hinein, zerschellt sich seine großen Knochen. Nein, wie er friert.