Sie packte ihn beim Arm. – Thomas, grüß Gott, aber warum haben Sie keinen Mantel, Teufel noch einmal!
Er war ganz blau und sie wußte, ohne daß er antwortete, daß den einzigen Mantel der Familie der kleine Bruder trug.
Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wäre, ich müßte Onkel Gustav auch töten können, aber ich traue mich ja nicht.
Thomas sagte: – Mir ist gar nicht kalt, was fällt Ihnen ein. Aber man sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr für nächste Woche.
Ruth gab Gertrud ihr letztes bißchen Taschengeld. Gertrud nahm das bißchen mit Tränen in den Augen und verklärt.
Als Weihnachten kam, wußte Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte. Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte ihm dafür einen wunderschönen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche blieb. Sie empfand auch nicht, daß die Straßen anders waren als sonst, weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wußte nur, daß Thomas bei der furchtbaren Kälte keinen Wintermantel besaß, daß der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war.
Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier für Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weißes Kanzleipapier, auf das sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war schon lange her. Jetzt sollte es Thomas’ Bruder bekommen, der immer klagte, er habe zu wenig Papier für seine deutschen Aufsätze und die langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht.
Gertrud schmückte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom vorigen Jahr. Sie humpelte vergnügt in der kalten Stube herum und sang ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen Teller mit übrig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas’ Zimmer.
Er lag mit toten Augen über den Tisch hinüber, gierig, lauernd. Ruth legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin.
Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: – Ruth, das bringst Du mir, Du weißt also, weißt alles, doch und Du glaubst daran, und noch kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran –