Er lag vor ihr und umfaßte ihre Schenkel mit tastenden, greifenden, packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hände waren feucht, er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend: – nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch – und sie streichelte seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und küßte die aristokratisch hohen Schläfen. Jetzt ganz gewiß, ganz gewiß. Ihr ekelte vor seinen strähnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf.

Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu einem alten Onkel: – gewiß ist ein rechter Künstler noch nie den widrigen Verhältnissen unterlegen. Im Gegenteil ...

Ruth sagte: – wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf.

Dann wurde ihr schlecht und sie mußte die ganze Nacht lang erbrechen. Das Zimmer war überheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese Nacht frieren müsse, denn sicher waren alle Kohlen für das Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weiße Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewiß nie mehr. O, wie sie seine gierig schaffenden Hände fürchtete, grauenhaft war es und unverschämt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Körper. Und die Frau daneben erbrach ja auch fortwährend, weil sie ein Kind erwartete.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin.

Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr?

Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte und ging wieder zu Thomas. Gertrud saß in der Nähmaschine und sah sie vorwurfsvoll an: Du hättest früher achtgeben sollen, Ruth. – Worauf? – Thomas liebt Dich. – Mach Dich nicht lächerlich. – Doch Ruth, seit Du fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines kostbaren Papiers. – Er hätte ihn erschlagen sollen, Ihr wißt alle nicht, was Thomas braucht. – Ruth, ich verstehe Dich nicht – Gertruds Stimme war so weich, daß Ruth mit dem Fuß darauf stampfen mußte. – Und denke Dir, er will plötzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der Schule. Seit acht Tagen war er überhaupt nicht mehr dort ... Gertrud weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die Mutter, oder der Kleine? – Das weiß ich nicht, mir sind alle drei ganz gleich lieb. – Dann kann ich Euch nicht helfen. – Aber Thomas liebt Dich. – Du bist dumm, näh deine Hemden weiter.

Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich herein. – Wo bist Du solange geblieben? Du hättest kommen sollen. Nichts als Farben – Töne, mit der Hand zu greifen – Worte noch nicht – Worte –

Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen tiefen Strich in die zerklüftete Hand: aus der Spitze muß es kommen, fließen, strömen – Gesetz – Ruth bleib da.

Er hielt sie fest mit beiden Armen. – Kannst Du beten? – Nein. – Das macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die Nähmaschine darf nicht rattern. So bet doch.