Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. – Man muß Licht sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.

– Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf – mein Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt, übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht, Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...

– Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen. Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein wenig.

Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. – In der Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.

Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.

– Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun, sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem Hals.

Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte.

Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: – meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.

Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück um Gotteswillen. Sie riß sich los.

Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse, bereit, zusammenzufallen.