– Ruth, sagte er, denk bloß, alles ist verbrannt.
Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine Leiche in sich, fühlte die winzigen, angstverkrümmten Knochen.
Drei Tage später kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert.
– Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schäm dich.
Eine Mutter
Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, weiß, mit scharfen Kanten. Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstückelten Bewegungen hingen herunter. Und in das trübe Grau der Augen wollte das Weiße hereinbrechen, mit scharfen Kanten.
Das war lange her. Jetzt haßte Ruth Mutter, weil die alte Friseurin ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen.
Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter glaubte einem boshaften Dienstmädchen mehr als ihr. Mutter zwang sie große Gläser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut herumschwamm. Mutter ließ sie nächtelang bei geschlossenen Fensterladen schlafen, so daß sie glauben mußte, sie sei blind. Mutter durchblätterte ihre Bücher, die doch ihr allein gehörten. Mutter rückte den Tisch ihres Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mußte. Mutter löschte das Licht, wenn es zu spät wurde. Es war ja nur ein Zufall, daß sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war –
Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglück. War auch schuld, daß der arme Säugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen Kinder so sehr liebte.
Ruth sah auf Mutters langfingerige Hände. Wieso hatten die keine roten Brandwunden. Nein, sie waren weiß und schlank, nur durch viele Falten und Sprünge zerklüftet. Von welcher Arbeit ...