Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und tröstete sie, wie sie wortlos dasaß neben der Nähmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit. Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine Unverschämtheit.

Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in einer Fensternische, tief hineingepreßt in den dunkel samtenen Vorhang. Sie wollte schreien: – ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da sagte Mutter: ich weiß schon Ruth, daß du immer mit Thomas warst. Er war ein armer Narr. Aber du solltest dich schämen.

Eine zorndurchschüttelte, blutende Faust – oder ist das die Flamme – Thomas’ Flamme – Mutter brüllt auf.

Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog sie in den Vorratsraum, wo ein Faß mit altem Kraut stand. Hier warf er sie auf den Boden.

Er stand vor ihr weißblaß und sehr groß. – Ruth, weißt du, was du getan hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen.

Er ging hinaus und zog den Schlüssel ab.

Ruth dachte nur: jetzt muß ich zum Fenster hinausspringen. Das ist selbstverständlich, natürlich. Ich brauche bloß auf den Stuhl dort zu steigen, es macht nichts, daß das eine Bein wackelt. Er trägt mich so weit. O, und dann stürze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich fürchte mich, um Gotteswillen, ich habe ja so gräßliche Angst –

Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heißt vor allen Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschäften nachhause. Man schließt die Laden so wie alle Tage. Und in den Straßen die gleichgültige Menge. Aber sie ist allein.

Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzählte. Aber sie weiß es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe. Und aus ihr steht graugrün heraus die Leichenhand mit entsetzten Fingern. Oder ist das ihre Hand –

Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man doch nicht denken, immer denken, immer denken.