Mutter kam am späten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren Haaren. – Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich geschlagen? – Nein Ruth, dazu ist es nicht – Mutter wenn ich dich berührt habe, ich müßte sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Tod. Und ich müßte sterben. Und du müßtest mir helfen.
Mutter kniete zu ihr nieder und küßte sie.
Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth preßte die Lider zu in erstarrtem Entsetzen. Das Weiße in Mutters Augen war zerbrochen. So wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas’ Stimme, wenn er sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu kräftig.
Überhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen. Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war stark. Und es ist gut, daß er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrißt nur das Mark und macht die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben –
Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklüfteten Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem entgegen.
Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und über das Mark des Baumstammes preßt sich eisenhart die dürre Rinde ...
Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmäßig große Schärpen über die weißen Kleidchen gebunden. Und sie saß in einem großen Kinderwagen, ganz allein.
Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fäusten. Und erreichte nie etwas, weil diese Fäuste immer zu schwer von dem kleinen Körper herunterhingen. Sie gewöhnte sich an den Mißerfolg und deshalb war ihr kein Ideal zu groß. Sie wollte Königin werden, dann Sängerin, und dann – o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr ganzes Leben die Last von unzähligen untergegangenen Existenzen in sich. Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt.
Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie Ruth es immer tat.
Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie. Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde Menschen.