Die alte Friseurin träumte einst davon, die erste Tänzerin der Welt zu werden. Ihr häßlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte sich in einem Gefängnishof, ohne daß sie je verstehen konnte, warum. Ihre mißgebildete Tochter nähte Hemden für vornehme Damen. Und nichts war von ihr übriggeblieben als das bißchen Schminke auf den eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen ließ. Das bißchen Schminke.
Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden mit fremden Säften, denen man sich einmal geschenkt hat.
Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen Moorboden. Müde und wohlig. Mutter saß Tag und Nacht an ihrem Bett mit überwachen Augen und Teelöffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schönste und Beste, das ich habe. Aber sie wußte nie, was das sei und wünschte sich auch gar nicht, bald gesund zu werden. Besser immer so liegen können. Und niemand kann einem Vorwürfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen.
Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: – was möchtest du, daß aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. – Ja, ich kann doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. – Ich möchte, daß du glücklich wirst, Ruth. – Wie ist das? – Du mußt froh sein und gesund und auch heiraten. – Weißt du Mutter, von Thomas hätte ich gerne ein Kind bekommen. – Aber Ruth – Nein, nicht böse sein, Mutter, bitte, bitte nicht. Ich möchte dir nur von Thomas erzählen, weil das so wunderschön war.
Ruth erzählte von Thomas’ Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen hätte. Mutter sagte: – armes Kind. Und küßte sie. – Aber du mußt jetzt schlafen. Sie löschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein: warum arm ...
Sie erwachte am nächsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im Nebenzimmer zu Martha: – wir hätten eben besser auf sie acht geben müssen.
Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frühdämmerung wieder die Hand des Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es waren viele, es waren unzählige solcher Hände. Sie sah diese Hände draußen vor dem Fenster und wußte: im Nebenzimmer wird jetzt eine ungeheure Schändlichkeit geflüstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann geht Mutter in die Küche zu der Köchin und Martha in die Schule. Nein, das hatte Thomas nicht verdient.
Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg über sumpfige Wiesen und Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter. Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen, wenn er die Zigarre zum Mund führte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben bewachen zu wollen. Draußen wachsen die Hände aus den Gräbern. Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie ist allein. Weiß Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist längst zerrissen. Arme Mutter! – Aus allen Gräbern wachsen die mörderischen Hände.
Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von nun an zu lenken wissen. Ich muß ihr weiter helfen. Sie ist – Laß das, antwortete Gustav müde. – Das lassen? – ja wozu bin ich denn sonst da ...?
Und sie saß bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid für Ruth. Als es nach ihrer Angabe genäht war, hing Ruth es in die hinterste Kastenecke und zog es niemals an.