Der Tod

Mein Thomas hat auch nicht auf mich hören wollen, sagte die alte Friseurin weinerlich zu Mutter, während sie ihr das widerspenstige Haar zu bändigen versuchte.

Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdämmerung: Unsere Nächsten – das sind unsere nächsten Mörder. Und nun war die Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die Augen mit den Fäusten zudrücken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen dürfen. Wie gut muß es sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hören, tasten. Ihn schließt eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr.

Ruth saß an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem großen Speisezimmertisch. Mit aufgestützten Armen. Ihre immer noch fiebermüden Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der Straßenlaterne. Draußen muß viel Schnee fallen.

Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber der Kasten dort und die Stühle ringsherum rücken weit weg, fort in das Graue, daß sich die hohen Fensterkreuze dehnen müssen. Und nichts um sie als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen muß einmal eine Fliege ertrunken sein. Über Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Füße treten das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick die Weite überwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist sie ganz allein.

Wie Vater. Wie Thomas.

Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn sie Richard und Gustav auf der Straße trifft oder mit Norbert zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt oder nicht weiß, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so allein, mit offenen Augen. Die alles sehen.

Eine Woche später brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer Operation. Sie war sehr müde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es ist doch unglaublich, daß man so einfach in mich hineinschneiden kann. Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da. Wo ich nur sein werde. Ich muß sehr gut acht geben.

Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu großem Kinn. Seine Hände waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hände wurden zum Werkzeug, das ineinander beißt.

Sechs junge Ärzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern leidend und demütig. Der Operationsraum war groß, zu licht, blitzend, spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten, schneebeladenen Bäume. Die Wintersonne stieß gegen die dicken Wolken. Ruth empfand die kühle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im ersten jungen Frühling dort unten gelegen sein mußte, mit zerfleischtem Körper eingepackt in weiße Tücher.