So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie spürte einen niederträchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr zwingt mich doch nicht –

Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren Körper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der Ärzte, die bloßen sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern über die Instrumente gebeugt ...

Die weiße, glattgetünchte Wand riecht so sonderbar. Sie muß sehr hoch sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind gefesselt, stöhnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen muß.

In den tiefblauen Himmel stößt sich ein weißer, steifer Ast.

Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester, die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand, die sie nie gesehen hat.

Sie kann ihr Bett kaum überblicken. Dort am Fußende sitzt ja Mutter. Ihre Bluse ist zerdrückt. Wie unangenehm. Und sie lächelt so, als ob sie alles wüßte, genau wüßte, was sie ja gar nicht wissen kann.

Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie muß einmal Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Füße weggeschnitten. Sie muß tasten. Sie kommt nicht bis dorthin.

Mutter und die Schwester lächeln. Das ruchlose Lächeln der Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht.

Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid schon gekommen? Dann gehört sie wieder der Welt, die von Mutters Rechenbüchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen. Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger Chemikalien, ätzend, zersetzend.

Ruth saß mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu und den glotzäugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grün. Aber sie war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an Agnes kräftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie möchte sich in die saftgrünen Vorhänge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Bräutigame.