In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlägt eine Ecke nach oben, leckend. Sie löscht das Licht. So müde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend. Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt.

Da ist nur noch die weiße, glattgetünchte Wand. Und der lange, gräßlich arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige Flüssigkeit von der blendenden Wandfläche. Er schleckt, leckt, saugt sich an –

Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brüllt –

Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau. Sie hält den großen Spitalslöffel in der Hand, sieht den Mann fragend an. Und er sagt mit unendlicher Geringschätzung: Gib. Was ist das ganze Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser für ein durstiges Maul.

Der Tierkopf schleckt –

Ruth saß schreiend im Bett. Mutter kam hereingestürzt. Ruth konnte nicht sagen was ihr fehle. Daß das lange, armselige Tiermaul alles war, die ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mußte. Nein, das konnte man nicht sagen und sie ließ sich fortwährend von den anderen die wichtigsten Zeitungsereignisse erzählen.

Damals sehnte sie sich maßlos nach allen Menschen, die sie je gesehen hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmädchen, das ihr vor Jahren Geschichten aus einem böhmischen Dorf erzählt hatte, wo die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen.

Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltäglichkeit durch. Sie verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu dürfen. In eine Sphäre von Geschäftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwächtern. Ihr war jeder Schuhriemen wichtig.

Norbert kam am nächsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder elend in seiner Dachkammer.

Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schüttelte ihm beide Hände. Er sah sie an, hundetreu, traurig.