Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige Kindersofa. Sie saß neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in Australien oder auf einem großen Schiff.
– Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... – Ruth sah auf. – Nein, warum denn? – Weil ich avanciert bin. – Was meinen Sie damit? – Ach Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine.
Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wußte auf einmal, was er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem großen Schiff. Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weiße, wehende Schleier. Das wäre freilich etwas.
Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der Braut und mußte fast lachen. – Nein, Norbert, sagte sie hochmütig, ich verstehe Sie nicht.
Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezäunt in einer streng gekrümmten Linie. Seine Grenze. Über die durften seine treuen Hände nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht Wände und ist der Sarg.
Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich muß ihm helfen, vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie. Unmöglich. Da war die Grenze.
– Wissen Sie schon, daß mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist, sagte Norbert. – Nein, wieso? – In einem Duell wegen einer Ballettänzerin. Zwei Schüsse durch die Lunge.
Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettröckchen und rosa glatte Füße. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants. Seine schwarzen Zähne. Das war der Tod.
Am nächsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt, wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt käme, sei seine Tuberkulose nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Nägeln in die Hände. Was schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine Ungeheuer, die Nähmaschine ist ein Leichnam, der sich aufbläht mit den Erlebnissen anderer. Und was will der grüne Bub vom Leben. In einer Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis Australien.
Mutter versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth verzweifelt: – Mutter, müssen wir denn alle sterben?