Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich: aufgestülpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin. Auch gut. Im übrigen war es ihr ziemlich gleichgültig.

Einmal, während des Mittagessens, kam ein Mädchen, bleich, trostlos, das Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Türe geöffnet. Richard war bei seiner Verlobten. Das Mädchen stöhnte auf. Sie packte Ruth beim Arm: Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hübschen Kinderaugen, die voll Tränen standen und führte sie in den Salon.

Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimädchen. Mutter weinte auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie müsse schweigen, um Gottes willen.

Als das Mädchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen? Mutter sagte: Geld. Und Ruth haßte sie. Sie dachte an das winzige Geschöpf, das schon im Mutterleib erwürgt wurde von fremden Händen. Wirklich fremden Händen –

Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Daß sie keine Ahnung haben konnte. – Mir hätte er es doch sagen können, mir, immer habe ich alles von ihm gewußt, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen –

Ruth kam es lächerlich vor, daß Mutter jemals glauben konnte, Richards Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit zornbebender Stimme sagte sie: – Dazu bin ich doch da, um von euch alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann bist du eben tot.

Wo war Mutters Leben – bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab – bei den gelben Phiolen –

Ruth sagte zu Martha: – Da bekommt Richard ein Kind und Mutter weiß es nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit Geld gutmachen. – Woher weißt du, daß das Kind zur Welt kommt? sagte Martha, lehrerinnenhaft überlegen. – Martha, du gehörst auf den Scheiterhaufen.

In der Nacht sah Ruth Martha auf der Straße, im Sonnenlicht, mit einem langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und blauen Nägeln.

So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er tat nur so überlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mädchens und seine eigenen Finger erdrosselten es.