Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester. Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen großen Sarg.
Ruth sehnte sich wieder unsäglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung für den nächsten Tag –
An Onkel Gustav hatte man über Richards Verlobung ganz vergessen. Eines Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslüsternen Augen. Es gehe ihm sehr schlecht, er röchle furchtbar.
Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging empört in ihr Zimmer.
Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr überhaupt an Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts vormachen, so wie Mutter. Gewiß nicht.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische Übersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Händen kochte ein fremder, fieberhafter Puls.
Durch die Fasern des Fleisches gräbt sich, stößt sich blühende Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fällt etwas ab, bröckelt etwas ab, mürb und müde. Wer preßt ihr die Brust zusammen und würgt sie, daß sie husten muß – Ist das Schleim und Blut – Ist das ihre eigene Kehle –
Über Ruths italienisches Übersetzungsbuch steigt wie Frühlingsatem empor die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reißen wollte. Von der sie nie etwas gehört hat. Und es riecht nach faden, blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weißen Kaninchen. In weiter Ferne leuchtet ein lichtes Ährenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche Haut. Und die alte Geige lehnt an dem rußigen Eisenofen.
In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in ahnungslosen Händen. Onkel Gustav stirbt.
Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. – Agnes, ruft sie in die Küche hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute.