Es wurde ganz dunkel.
Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert auch. Richard saß in einem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt. Die schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster.
Da schrie der Hund.
Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann brach sie zusammen. In Ekel ...
Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Türe stand. Auch die Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerändertes Taschentuch. Und das italienische Übersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier.
Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth haßte alle. Nicht weil sie ihn gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bißchen kläglichen Gernehaben protzten. Keiner kannte das große Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trügen ihre Hände vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Nägeln durchschlagen. Aber vernarbt.
Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegängnis. Ging zur selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse, durch taubelebte, klatschende Gassen.
Sie bürstete den Hund und fütterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul an der weißgetünchten Wand immer ähnlicher wurde. Ach Gott, wie so ähnlich –
In den verständnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz einer geprügelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach – Nach dem Schluck Wasser –
Wie einsam mußte Onkel Gustav gewesen sein.