Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie läuft. Sie fliegt.
Jemand ist geschändet worden. Wer ist geschändet worden. Der Tod ist geschändet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben für ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch.
Sie will nie mehr nachhause zurück. Lieber in ein Freudenhaus.
Wer will nicht zurück – Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre Kopfhaltung, ihre kindische Würde. Als Onkel Gustav sterben mußte, war etwas in ihrem innersten Mark zerrissen.
Jedes einzelne Blutgefäß spinnt einen langen Faden aus sich heraus in Mutters Hände hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt sie von den Obstbäumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar Monaten blühen werden.
Noch preßte die Kälte die Häuser zusammen. Und alle Menschen steckten in wollenen Jacken, deren Farbe nicht schön war.
Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Körper war steif geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter.
Nun ist sie müde, nicht zum Sagen müde. Sie möchte sich die Haut von den Armen streifen. Sie möchte sich in sich hinein verkriechen und in einer dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was wollen alle diese von ihr, diese Lügner, die nur zum Schein ganz leben und an hundert Stellen getötet sind. Diese heimlichen Mörder untereinander.
Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie späht um sich mit leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer wühlt mit bleichen, schweren, kraftlos vollen Händen in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch allein so ganz unmöglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen federt die Sprungkraft ihrer Jahre.
Sie möchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie genießt nur die süße Müdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mächtiger. Und denkt.