So kauert sie vor dem verglühenden Ofen. Der immer weiter brennt.
Vision
Unter den hochkreuzigen Fenstern läuft die Straße. Die Straße, die alle gehen müssen. Die eine Straße. Der eine Weg.
Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenräder, die in sich zerbrechen, kratzen darüber hin. Und so viel Schuhe. Hochmütig spitze aus weichem Leder, behäbig breite, löcherige und Holzsandalen.
Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lärmt. Poltert, rattert, zerschmettert – in nichts.
Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in großen, brandigen Klumpen. Strähnig schleckte er sich über die Dächer. Schwamm in den braunen Pfützen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straßenlichter stritten mit langer Dämmerung.
Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute sich nicht, es zu öffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, daß sie ein Fragezeichen von einem großen S nicht unterscheiden konnte. Und beide ineinander an das trübe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern vergrub.
Nun lag sie an dem Fenster und wußte: Dieses junge Mädchen wird bald ein neues, lustig blaues Sommerkostüm bekommen. Der Mann dort schleppt die eine Achsel schwer. Er muß viele Lasten darauf getragen haben. Warum lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weißen Haaren? Ob das kleine Mädchen mit der Springschnur auch so parkmüde ist, wie sie es immer war, nach den stundenmäßig eingeteilten Spaziergängen –
Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth spürte das gleichmäßige Aufschlagen der Sohlen – jetzt – und jetzt – wieder – und jetzt – wieder – und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, daß man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fühlte. Dann das Schweigen der Schritte – jetzt – und jetzt – wieder und jetzt –
Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so daß tausend lebendige Splitter über den Rinnstein springen.