Richard kommt die Straße herunter. Er trägt noch den steifen, schwarzen Hut, wie im Winter. Er weiß nicht, daß heute Sommer ist. Daß sich alle ungefesselten Glieder ausziehen müssen und dem durstenden Föhn anbieten. Mutter schlägt im Nebenzimmer eine Tür zu –
Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, daß das Geflecht knirschte. Und lief davon. Ohne Handschuhe.
Lief durch die eine Straße. Den einen Weg.
Wann war es das erste Mal, daß sie so gelaufen war? Daß ihre selig gläubigen Füße sie über Tiefen springen ließen, die zwischen den Pflastersteinen lauerten. Wann war es – gestern – heute – morgen wird es sein –
Die Erde ist schwanger von blühendem Leben. Und das Geborene ist tot. Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen.
Braungrün schwimmen die Pfützen im letzten Tageslicht. Die Laternen flimmern bloß.
Ruth läuft den einen Weg. Die eine Straße. Es ist ja immer dieselbe eine. Mit jedem Schritt fällt ein Stück Last von ihren schmalen Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie dieses Stück in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie läuft ja immer weiter.
Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift – oder vielleicht erzählt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen Weg. Die Straße ist ja furchtbar schrill, die Häuser haben so empörend scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer.
Aus den offenen Fenstern fällt eine grauweiße Masse heraus. Sind das schmutzige Leintücher – Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem einen Weg.
Nein, diese vielen, empörend fremden, gleichgültigen Menschen. Da schmeißen sie die ganze Winterausdünstung auf die Straße herunter. Ihr entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen.