»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie es doch.

Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes Daheim und sprach leise vor sich hin:

»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«

Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.

Siebentes Kapitel.
Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.

Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie in der großen Prüfung gut bestanden hatte.

Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.

»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«