Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort auf des Herrn Kommissars Rede:

»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«

Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen Gelehrten getrunken wurde.

Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr mit vorrücken durfte.

Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.

Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.

Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer Tagesausflug veranstaltet werden.

Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.

Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie habe keine Lust, sich damit zu belasten.

Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über Stock und Stein davon.