Und nun, ihrem Gefühl nach gesichert, seufzte sie beklommen auf und ließ die Hände erschöpft heruntersinken. Im Geist sah sie Fräulein Rosa Hesse vor sich und hörte sie begeistert das Los dieser beiden beneidenswerten Menschen preisen: »Ich bitte Sie – so jung, so schön, gesund und reich, so begabt – wie könnte ihnen etwas fehlen? Was auf der weiten Welt bliebe ihnen zu wünschen?«

Die alte Dame nickte kummervoll vor sich hin.

»Die arme, schöne Frau, das arme süße Kind, wie viel werden sie noch leiden müssen! Und hier nennt man sie ›die Glücklichen!‹« – – –


2.

Der folgende Tag war ein Sonntag. In der Nacht war ein heftiges Gewitter losgebrochen – völlig unerwartet, wie das im Gebirge zu kommen pflegt. Abends hatten noch die Sterne geschienen, und das ganze Haus hatte auf andauernd gutes Wetter gehofft – da kam aufs neue der böse Südwestwind auf, der tags zuvor das Gewitter gebracht, und er führte ein zweites Unwetter mit sich, schlimmer als das erste. Es tobte in den Lüften, es riß an Thüren und Fensterläden, es heulte um das Haus, als wäre die Hölle losgelassen – und dann fuhr sausend ein Blitz nieder, der den nachtschwarzen Himmel spaltete und eine stolze, alte Buche in der Nähe des Hauses niederschlug, daß sie mit einem dumpfen Krachen zu Boden stürzte. Unmittelbar darauf setzte der Donner ein mit einem schweren, betäubenden Schütten, dem ein langer, langer Nachhall folgte. Und die Berge ringsum nahmen das Getöse auf und gaben es weiter und schickten es wieder zurück, bis neuer Donner einsetzte, so daß es klang, als nehme das zornige Brüllen in den Lüften überhaupt kein Ende.

Im Klingerschen Pensionat war alles auf den Füßen. Einige hatten sich unten im Speisezimmer zusammengefunden, sie hatten ganz regelrecht Toilette gemacht, saßen mit blassen, verstörten Gesichtern beisammen und bemühten sich, einer den andern zu trösten … es müsse doch bald nachlassen – und strenge Herren regierten bekanntlich nicht lange – und wie das Gewitter so schnell habe wiederkommen können, nachdem die Luft sich doch so schön gekühlt habe … und was der Tröstungen und Vermutungen mehr waren.

Die meisten waren in ihren Zimmern geblieben. So Fräulein Charlotte Hartwig. Sie hatte sich die Lampe angezündet und saß auf dem Sofa, ihr war unbehaglich zu Mute, obgleich jede Furcht ihr fern lag; ein Gewitter verstörte ihr allemal die Nerven. Der Boden unter ihren Füßen zitterte, und die Fenster klirrten heftig unter den unausgesetzten Donnerschlägen.

Im Hause hörte man Thüren zuschlagen, ein eiliges treppauf, treppab – jenseits des kleinen Korridors erhob sich ein verängstigtes Kinderstimmchen in hellem Weinen, verstummte aber sehr bald. Im Geist hörte Fräulein Charlotte die junge Frau bitten: »Udo, um Gottes willen, schlage das Kind nicht so!«

Das alte Fräulein schüttelte wehmütig den Kopf. Zu ihrer Erholung war sie hierher geschickt worden, und jetzt regte sie sich um fremder Leute willen so auf! Ihr Beruhigungsmittel, ihr Talisman sollte ihr helfen! – Sie öffnete die Tischschublade und holte ein flaches, schwarzes Lederkästchen daraus hervor; ein Druck mit dem Finger ließ die Feder springen – das Bildnis eines sehr ernst und sehr klug aussehenden Mannes kam zum Vorschein. Das war ihr Bruder, ihr Arzt, ihr bester Freund auf der Welt, der Sonnenschein ihres ganzen Lebens.