»Du!« murmelte sie vor sich hin. »Du!« – Zärtlich, wie eine Braut musterte sie das kleine Bild. »Wärest du sehr unzufrieden mit mir? Würdest du mich schelten? Scheinbar ja – aber eben auch nur so! Denn du hast ja selbst ein Herz, und ein so weiches, mitfühlendes dazu, wenn du dich auch auf alle Weise bemühst, es zu verstecken. Hätt' ich dich nur hier! Ohne dich ist's ja doch nur ein halbes Leben – aber freilich – du hast mich hierhergeschickt, damit ich mich erhole! Da heißt es gehorchen! Erholen wir uns also nach Kräften!«

Ein halb wehmütiges, halb humorvolles Lächeln spielte um ihre Lippen, wie sie dem Bilde zunickte, wie einem lebenden Menschen, und es dann sorgsam verschloß. Draußen war eine kurze Pause in den Donnerschlägen eingetreten – dafür raste der Sturm jetzt um das Haus, als wolle er es vom Erdboden wegfegen. Wieder kamen von drüben her ein paar vereinzelte Klagelaute, die bald verstummten. Charlotte sah im Geist das Kind zitternd und verängstigt in seinem Bette und die schöne Mutter darüber hingebeugt, bemüht, das kleine Geschöpf vor der Strenge des Vaters zu schützen. Mit einem Seufzer der Ungeduld darüber, daß die rebellischen Gedanken sich so wenig zügeln ließen, nahm sie ein Buch zur Hand und versuchte, zu lesen. –

»Schauen gnä' Fräul'n eben 'mal bloß die Sonn' an, was die für goldiges G'sicht macht und wie's lachen kann … recht, als thät's sich was ausschämen!« sagte Resi, das rosige Zimmermädel, am folgenden Morgen, als sie Fräulein Hartwig das Kaffeebrett ins Zimmer trug. »Dös is a Graus g'west bei die Nacht! So hab'n mir alle Glieder 'zittert!« Resi stellte das sehr ausdrucksvoll dar. »Die Annamirl und die Zenzl haben g'weint! Und jetzt schaut der Himmel wunderblau, und die Sonn' lacht, und kein Wind und kein nix! Aber die Weg schwimmen wassernaß, und von die Bäum' und Sträuch' tropft's alleweg! Wissen gnä' Fläul'n« – – hier trat Resi zwei Schritt näher und machte sich allerlei unnötige Hantierungen beim Kaffeegeschirr – »unser Herr Doktor Schott – nein – aber – der ist schon ein Wunderlicher! Hat er nicht heut' in der Fruha wollen für G'walt auf die Wendel-Alp aufsteigen – nach dem grauslichen Wetter und wo alles schwimmt – und hat nicht eher Ruh gegeben, als bis die fremde Herrschaft vom »schwarzen Lamm« herschickt hat, sie wollten auch nimmer auf die Alp, die Weg' sei'n zu schlecht nach dem Gewitter!«

»Ja aber, Resi, woher wissen Sie denn das alles?«

»I hab' halt 'horcht!« erklärte Resi lachend, mit vollster Unbefangenheit. »Mir müssen halt auch in d' Fruha heraus, und i hab' droben z'schaff'n g'habt, und da hat er in einsfort g'sagt: Ich will aber! Und ich will! Und sie hat einmal g'sagt: Ich thu's nimmer! Und wie er d'rauf ganz rabbiat worden ist, da hat's eben gar nix mehr g'sagt – nicht an einz'gs Wörtl! Und all' die Fremden von »schwarzen Lamm,« die kommen heut' hier zu uns speisen, und i muß 's Frühstück richten!«

»Da müssen Sie sich tummeln, Resi!«

»Wird schon wahr sein! Aber die Annamirl und die Zenzl soll'n halt auch was schaffen, zum Nixtum is ka einz'ger Mensch da!«

Mit dieser nützlichen Sentenz empfahl sich das Mädchen. Fräulein Hartwig lag es schwer in den Gliedern und im Kopf nach der schlecht verbrachten Nacht, sie beschloß darum, einen Spaziergang zu machen – die frische Luft sollte ihr wohlthun.

Das that sie denn auch. Wie einen labenden Trank atmete die Menschenbrust diesen stählenden Hauch ein, der von den reinen Höhen herabwehte – von dort herab, wo die Bergesgipfel gleich getriebenem Silber standen und das Gletschereis im Sonnenstrahl bläulich funkelte. Unten aber diese Pracht auf Bäumen und Büschen! Das waren doch zahllose Wassertropfen nur, die auf den Blättern lagen und beim leisesten Anrühren wie kleine Bäche niederrieselten, aber die Sonne machte Millionen der köstlichsten Juwelen daraus, wob feenhafte Spitzenschleier um die Astkronen und ließ ganze Kaskaden aus Diamanten von den sanft bewegten Zweigen sprühen.