Auf der letzten Terrasse des Gartens, da, wo er bereits auffällig zu steigen und sich an das Gebirge zu schließen begann, war es immer einsam. Charlotte klomm den von Regen durchweichten Weg nicht ohne Mühe aufwärts, sie wußte eine Bank hier in der Nähe, auf der wollte sie rasten. Ein kleines Buch hielt sie in der einen Hand, in dem wollte sie lesen – Lessings »Nathan der Weise.« Tief und rasch atmend kam sie endlich an ihr Ziel. Über ihrem Haupt wölbten einige prachtvolle Buchen die schönen Wipfel zu einer natürlichen Schattenlaube – ein paar Vögel schwatzten droben eifrig miteinander und warfen zuweilen beim Weiterhüpfen von Zweig zu Zweig einen Perlenregen von Tropfen herunter – vom Thal klangen die Kirchenglocken herauf, ernst und volltönig, es klang immer, als riefen sie: »Kommt zu Gott! Kommt zu Gott!«

Fräulein Charlotte nickte, als habe sie jemanden, der sie angeredet, Antwort zu geben, und schlug ihren Lessing auf.

Seitwärts im Gebüsch raschelte es, leuchtete rot auf zwischen den biegsamen Zweigen – ein kleines Menschenkind kam auf flinken Füßen näher – stutzte – blieb stehen – dann, von Fräulein Hartwigs Lächeln ermutigt, trippelte es bis zu ihren Knieen heran.

»Bist du hier ganz allein – gelt?«

»Ja, mein kleines Mädchen. Und du? Deine Friederike ist wohl mit dir?«

»Nein – Mama! Ich bin vorausgelaufen. Kannst du meine Mama sehen? Da oben steht sie!«

Das deutende Fingerchen wies auf einen mäßigen Felsvorsprung. Dort stand eine einzelne Frauengestalt, regungslos, den Blick in die Weite gerichtet – wie losgelöst von Welt und Menschen, wie schwebend über der grünen Tiefe zu ihren Füßen.

»Ruf' deine Mama nicht an, mein Kind! Sie könnte sich erschrecken und fallen. Wir wollen warten, bis sie von selbst aufmerkt und hierherkommt!«

»Ja, wir wollen warten!« wiederholte die Kleine altklug. Sie lehnte ihr zartes Körperchen zutraulich gegen Charlottes Kniee und sah ihr unverwandt mit forschenden, großen Augen ins Gesicht. Dies Gesicht war weder jung noch schön, aber dem Kinde mußte es gefallen, es lächelte und ließ sich willig von der sanften Hand des alten Fräuleins das krause, dunkle Köpfchen streicheln.

»Erna!« klang eine weiche Frauenstimme von oben. »Wo bist du? Erna!«