Fräulein Charlotte schlug die erste Seite auf, und die junge Frau las über dem Titel in einer festen Handschrift die Worte: »Seiner lieben Charlotte zum Andenken an den 11. Oktober 1866. Walter.«
»Er ist mein einziger Bruder,« – eine schwache Röte trat in die feinen, welken Züge, und die Augen glänzten plötzlich auf. »Am 11. Oktober 1866 lasen wir zum erstenmal »Nathan der Weise« zusammen. Er war noch Gymnasiast damals und sehr jung – den Jahren nach hätte er kaum Verständnis für dies Hohelied der Toleranz haben können. Aber ich war immer sehr stolz auf seine Begabung und fand ihn seinen Altersgenossen weit voraus – wirklich, er war es auch! Und ich konnte kaum erwarten, zu sehen, welchen Eindruck mein Nathan auf ihn machen würde. Ich muß immer »mein« Nathan sagen, er ist für Kopf und Herz so ganz mein Eigentum geworden.«
»Nun – und weiter? Entsprach der Eindruck Ihren Erwartungen?«
»Sie müssen verzeihen, gnädige Frau – es kann Sie unmöglich interessieren – in Stettin wissen es alle meine Bekannten: mein Bruder ist ein gefährliches Thema für mich; ich kann nicht zu Ende kommen, und je älter ich werde, desto mehr verschlimmert sich das!«
Das liebreizende junge Gesicht neben Fräulein Hartwig lächelte.
»Ich gehöre aber nicht in Ihren Stettiner Bekanntenkreis hinein, und ich möchte gern mehr hören. Wir schließen uns nicht näher an die Hausgenossen an, schon weil wir so viel Bergtouren unternehmen –« dies klang ein wenig verlegen – »aber zu Ihnen hab' ich sehr bald, hab' ich gleich in den ersten Tagen einen stillen Zug gespürt, und es wollte mir scheinen, wenn es nicht anmaßend klingt, als wäre das gegenseitig!«
»Sie sind ein süßes, herziges Wesen, Frau Doktor, ich glaube, es wird mir so gehen, wie allen, die Sie nur sehen: man kann gar nicht umhin, sich für Sie zu interessieren, Sie reizend zu finden … nein, nein, Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen schmeicheln will! Das ist nicht mein Fehler – wahrhaftig nicht! –«
»Wir wollen aber nicht von mir sprechen. Sie sollen mir von Ihrem Bruder erzählen. Sie haben ihn wohl erzogen?«
»Ja – von seinem sechsten Jahre ab. Ich bin so sehr viel älter als er; mir sind drei Geschwister, die zwischen ihm und mir standen, jung weggestorben. Diesen Kleinen nahm ich so für mein Spielzeug, und die Mutter, die damals schon sehr leidend war, ließ das geschehen – es kam nicht viel vernünftiges dabei heraus. Da kam eine Choleraepidemie und nahm uns in drei Tagen beide Eltern fort, und Vermögen war keines da, das wußte ich, denn meine Mutter war arm gewesen, und die Privatlehrer – mein Vater war einer! – haben niemals Schätze sammeln können. Was hatte ich nun gelernt, was konnte ich thun? Allerlei und doch nichts Rechtes, es war so viel halbes Wesen dabei, wie das so oft bei höheren Töchtern ist – und damals war mit den Mädchenschulen nicht viel zu machen, und an Examen dachte kaum ein Mensch. Eine Stelle in irgend einem reichen Haushalt hätte sich am Ende für mich gefunden, aber dann hätte ich mich von dem kleinen Jungen trennen müssen – und wohin mit ihm? Ich mußte das Leben jetzt ernst nehmen, an die Zukunft denken und auch den kleinen Bruder anders anfassen als bis dahin – mit dem Spielzeug war es für mich vorbei! Also nahm ich nun in Gottes Namen alles an, was sich mir irgend bot, ich gab Klavierstunden, ich stickte für Fremde, ich unterrichtete ein paar kleine Mädchen im Lesen und Schreiben – es wurde alles damals schlecht bezahlt, und es wollte und wollte nicht reichen! Mein Vater war ein vielseitig gebildeter Mann gewesen, er hatte sich viel um mich bekümmert und mir Geschmack für allerlei geistige Nahrung beigebracht, von der ich jetzt so gut wie nichts mehr zu kosten bekam. Es ist sehr, sehr schwer, gute Lektüre, anregende Unterhaltung und jeden, auch den bescheidensten, Kunstgenuß zu entbehren – Sie sind sicher im Wohlleben aufgewachsen und werden das kaum verstehen können –«