Die junge Frau schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht im Wohlleben aufgewachsen!« sagte sie leise – dann, mit einer leichten Handbewegung, wie um etwas Überflüssiges beiseite zu thun: »Ich bitte – weiter!«

»Ja, und so wäre ich denn oft verzagt, wer weiß, gar zusammengebrochen, ohne den kleinen Bruder. Ein Geschöpf, das auf uns angewiesen ist! Ein Wesen, dem wir alles sein müssen, das ohne uns nicht bestehen kann! Sie sind Frau und Mutter, Sie werden mich begreifen können –«

Ein schwerer, nachdenklicher Blick aus den schönen, grauen Augen wanderte dort hinüber, wo das kleine Mädchen im Grase bei den Blumen kniete.

»Und er war so hilflos, so ganz allein nur für mich da, wie ich für ihn, wir hatten gar keine Verwandten. Ins Waisenhaus hätte er müssen, wäre ich nicht gewesen. Ich frage mich heute oft: war er wirklich so ganz anders als Kinder seines Alters sonst, oder kam er nur mir so vor? Er war ein fleißiges, ein, ich möchte sagen, rechtschaffenes Kind. Nie aß er unbekümmert das auf, was ich ihm vorlegte – er beobachtete, ob auch ich genug hatte, dann erst langte er zu. In der Schule entwickelte er einen stillen Ehrgeiz, er hatte sich's von mir angewöhnt, schon als kleiner Junge, zu sagen: Ich muß vorwärts! Und vorwärts kam er. Gott, wenn ich an die stillen Winterabende zurückdenke – draußen ein Schneesturm und pfeifender Wind, und wir beide in unserem niedrigen Stübchen bei der kleinen Lampe, ich mit meiner Weißstickerei, er mit seinem Cornelius Nepos, den er laut lernte – und ich lernte mit!«

Das alte Fräulein sah mit feuchten Augen zu den sonnenbeschienenen Schneebergen hinauf.

»Da sind Sie wohl mit der Zeit eine sehr gelehrte Dame geworden?« fragte Frau Doktor Schott lächelnd.

»Ich habe viel vergessen seitdem! Damals aber – ja, da konnte ich meinen Horaz brav übersetzen, und wenn mein Walter aus der Ilias vorlas, dann hab' ich alles gut verstanden! Das waren Zeiten! Arm, wie wir waren … das waren doch Zeiten!«

»Und der Eindruck des Nathan?«

»O – großartig, sage ich Ihnen! Wie die Erzählung von den drei Ringen kam – das Gesicht vergeß ich mein Lebtag nicht! Und dann Nathans Gespräch mit dem Klosterbruder – Sie erinnern sich – da haben wir beide geweint, nur daß er sich schämte, es zu zeigen, und ich nicht! Wie ich nur Ihnen all' das so erzählen kann! Es muß Ihr Gesicht sein, das mir's vom ersten Tage angethan hat.« –